Auszüge aus Abraham H. Maslow's
"Psychologie des Seins"

Ein Entwurf

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Vorwort zur ersten Auflage

Ich habe viel Mühe mit der Wahl eines Titels für dieses Buch gehabt. Der Begriff "psychologische Gesundheit", obzwar noch immer notwendig, hat verschiedene innere Mängel hinsichtlich der wissenschaftlichen Absichten, die alle an verschiedenen Stellen im Buch diskutiert werden. Mängel hat auch der Begriff "psychologische Krankheit", wie Szasz und die existentiellen Psychologen jüngst betont haben. Wir können noch immer diese normativen Begriffe verwenden, und müssen es auch tatsächlich aus heuristischen Gründen zu diesem Zeitpunkt tun; doch bin ich überzeugt, daß sie innerhalb eines Jahrzehnts veraltet sein werden.

Ein viel besserer Begriff ist "Selbstverwirklichung" ("self actualization"), wie ich ihn verwendet habe. Er unterstreicht die "Voll-Menschlichkeit" ("full-humanness"), die Entwicklung der biologisch fundierten Natur des Menschen, und ist deshalb (empirisch) für die ganze Gattung normativ, nicht nur für besondere Zeiten und Orte, d.h. er ist weniger kulturabhängig. Er steht im Einklang mit dem biologischen Schicksal, nicht nur mit historisch-willkürlichen, kulturell-lokalen Wertmodellen, wie das bei den Begriffen "Gesundheit" und "Krankheit" oft der Fall ist. Er hat auch einen empirischen Inhalt und eine operative Bedeutung.

Doch hat dieser Begriff – abgesehen davon, daß er von einem literarischen Standpunkt aus schwerfällig ist – folgende unvorhergesehene Mängel gezeigt:

a)       eher Selbstbezogenheit als Altruismus zu implizieren;
b)      die Aspekte der Pflicht und Hingabe an Lebensziele zu verwischen;
c)       die Bindungen an andere Menschen sowie an die Gesellschaft und die Abhängigkeit der individuellen Erfüllung von einer "guten Gesellschaft" zu vernachlässigen;
d)      den Forderungscharakter der nichtmenschlichen Realität und ihre echte Faszination zu übergehen;
e)       Ichlosigkeit und Selbsttranszendenz zu vernachlässigen und
f)       implizite mehr die Aktivität als die Passivität oder Rezeptivität zu betonen.

Es hat sich herausgestellt, daß es sich so verhält, trotz meiner großen Sorgfalt und Anstrengung, die empirische Tatsache zu beschreiben, daß selbstverwirklichende Menschen altruistisch, der Sache ergeben, selbsttranszendierend, sozial sind usw.

Das Wort "Selbst" scheint abzustoßen, und meine Neudefinitionen und empirischen Beschreibungen versagen oft vor der mächtigen linguistischen Gewohnheit, das "Selbst" mit "selbstbezogen", "egoistisch" und mit reiner Autonomie zu identifizieren. Ich habe zu meinem Bedauern entdeckt, daß einige intelligente und fähige Psychologen weiterhin darauf bestehen, meine empirische Beschreibung der Eigenschaften selbstverwirklichender Menschen so zu behandeln, als hätte ich sie eigenmächtig erfunden.

"Voll-Menschlichkeit" scheint mir einige dieser Mißverständnisse zu vermeiden. Und auch "menschliche Verminderung oder Verkümmerung" ("human diminution or stunting") dient als besserer Ersatz für "Krankheit", vielleicht sogar für Neurose, Psychose und Psychopathie. Zumindest sind diese Termini nützlicher für die allgemeine psychologische und soziale Theorie, wenn schon nicht für die psychotherapeutische Praxis.

Die Begriffe "Sein" ("Being") und "Werden" ("Becoming"), wie ich sie in diesem Buch durchgehend verwende, sind sogar noch besser, obwohl sie noch nicht allgemein genug verwendet werden, um als Scheidemünze zu dienen. Das ist bedauerlich, denn die Seins-Psychologie (Being-psychology) ist sicherlich sehr verschieden von der Werdens-Psychologie (Becoming-psychology) und der Defizit-Psychologie (deficiency-psychology), wie wir sehen werden. Ich bin überzeugt, daß die Psychologien in diese Richtung sich bewegen müssen, daß sie die S-Psychologie mit der D-Psychologie versöhnen müssen, d.h. das Vollkommene mit dem Unvollkommenen, das Ideale mit dem Tatsächlichen, das Eupsychische mit dem Vorhandenen, das Zeitlose mit dem Vorübergehenden, die Zweck-Psychologie (end-psychology) mit der Mittel-Psychologie (means-psychology).

Dieses Buch ist eine Fortsetzung von Motivation and Personality (Motivation und Persönlichkeit), das 1954 erschien. Es ist insofern in der gleichen Weise aufgebaut, als ein Stück einer größeren theoretischen Struktur auf einmal ausgearbeitet wurde. Es ist der Vorläufer einer noch zu leistenden Arbeit für die Errichtung einer umfassenden, systematischen und empirisch fundierten allgemeinen Psychologie und Philosophie, die sowohl die Tiefen als auch die Höhen der menschlichen Natur einschließt. Das letzte Kapitel enthält in einem gewissen Maß das Programm für diese künftige Arbeit und dient als Brücke. Es ist der erste Versuch, die "Gesundheits- und Wachstums-Psychologie" ("health-and-growth-psychology") mit der Psychopathologie und mit der psychoanalytischen Dynamik zu integrieren, das Dynamische mit dem Ganzheitlichen, das Werden mit dem Sein, das Gut mit dem Böse, das Positive mit dem Negativen. Es ist, anders formuliert, ein Versuch, auf der allgemein psychoanalytischen und auf der wissenschaftlich-positivistischen Grundlage der Experimentalpsychologie den eupsychischen, S-psychologischen und metamotivationalen Überbau zu errichten, der diesen beiden Systemen fehlt.

Es ist sehr schwer, wie ich entdeckt habe, anderen meinen Respekt und gleichzeitig meine Ungeduld hinsichtlich dieser beiden umfassenden Psychologien verständlich zu machen. So viele bestehen darauf, entweder profreudianisch oder antifreudianisch zu sein, für die wissenschaftliche Psychologie oder gegen die wissenschaftliche Psychologie.

Meiner Meinung nach sind alle Loyalitätsbekundungen dieser Art einfach albern. Es ist unsere Aufgabe, die verschiedenen Wahrheiten in eine einzige ganze Wahrheit zu integrieren, der unsere einzige Loyalität gelten sollte.

Ich bin mir im klaren darüber, daß die wissenschaftlichen Methoden (weit gefaßt) unser einziges und definitives Mittel sind, sicher zu gehen, daß wir tatsächlich im Besitz der Wahrheit sind. Doch ist es hier auch sehr leicht, in Mißverständnisse oder in eine Dichotomie pro oder contra Wissenschaft zu verfallen. Ich habe darüber bereits geschrieben. Es handelt sich um die Kritik am orthodoxen Szientismus des 19. Jahrhunderts, und ich beabsichtige, sie fortzusetzen, um die Methoden und den Geltungsbereich der Wissenschaft so zu erweitern, daß sie besser imstande ist, die Aufgaben der neuen, persönlichen, erfahrungsgemäßen Psychologien zu erfüllen.
Die Wissenschaft, so wie sie von den Orthodoxen gewöhnlich konzipiert wird, ist für diese Aufgaben ganz unzureichend. Doch ich bin mir sicher, daß man sich auf diese orthodoxen Wege und Mittel nicht zu beschränken braucht. Man muß nicht vor den Problemen der Liebe, der Kreativität, der Werte, der Schönheit, Imagination, Ethik und Freude abdanken und sie ganz den "Nichtwissenschaftlern" überlassen, den Dichtern, Propheten, Priestern, Dramatikern, Künstlern oder Diplomaten. Sie alle mögen wunderbare Einsichten haben, alle die Fragen stellen, die gestellt werden müssen, herausfordernde Hypothesen aufstellen, ja in den meisten Fällen sogar recht haben. Doch wie sicher sie auch sein mögen, sie können nie der Menschheit diese Gewißheit vermitteln. Sie können nur jene überzeugen, die bereits mit ihnen übereinstimmen, kaum mehr. Wissenschaft ist die einzige Art und Weise, die Wahrheit in einen widerwilligen Kopf zu trichtern. Nur Wissenschaft kann die charakterologischen Unterschiede im Sehen und Glauben überwinden. Nur Wissenschaft kann fortschreiten.

Es verbleibt jedoch die Tatsache, daß sie in eine Sackgasse geraten ist und in einigen ihrer Formen als Bedrohung und Gefahr für die Menschheit angesehen werden kann, zumindest für die höchsten und vornehmsten Eigenschaften und Ambitionen der Menschheit. Viele sensible Menschen, besonders Künstler, haben Angst, daß die Wissenschaft deprimiert und besudelt, daß sie die Dinge auseinanderreißt, anstatt sie zu integrieren, daß sie daher tötet, anstatt zu erschaffen.

Nichts davon, glaube ich, ist notwendig. Alles, was die Wissenschaft braucht, um eine Hilfe für die positive menschliche Erfüllung zu sein, ist eine Erweiterung und Vertiefung der Konzeption ihres Wesens, ihrer Ziele und ihrer Methoden. Ich hoffe, daß der Leser dieses Kredo nicht als unvereinbar mit dem eher literarischen und philosophischen Ton des vorliegenden und meines früheren Buches betrachtet. Jedenfalls sind sie für mich keineswegs unvereinbar. Der Entwurf einer allgemeinen Theorie macht solch ein Verfahren erforderlich, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Teilweise geht das auch auf die Tatsache zurück, daß die meisten Kapitel zuerst als Vorträge konzipiert worden sind.

Dieses Buch ist wie mein vorheriges voll von Behauptungen, die auf Selbsterforschung, Beweisbruchstücken, persönlicher Beobachtung, theoretischer Deduktion und reiner Ahnung beruhen. Sie sind größtenteils so formuliert, daß sie bestätigt oder widerlegt werden können. Das heißt, sie sind Hypothesen, die es zu testen, nicht zu glauben gilt. Sie sind auch offenkundig relevant und zutreffend, d.h. ihre Richtigkeit oder Falschheit ist für andere Zweige der Psychologie wichtig. Sie sind von Belang. Sie sollten deshalb zu weiterer Forschungsarbeit führen, und ich erwarte, daß sie das tun werden. Aus diesen Gründen befindet sich für mich dieses Buch im Bereich der Wissenschaft oder Vorwissenschaft, nicht der Ermunterung, der persönlichen Philosophie oder des literarischen Ausdrucks.

Einige Worte über die zeitgenössischen intellektuellen Strömungen in der Psychologie zeigen vielleicht den richtigen Platz dieses Buches an. Die zwei umfassenden Theorien der menschlichen Natur, die bisher die Psychologie am meisten beeinflußt haben, sind die Freudianische und die experimental-positivistisch-behavioristische. Alle anderen Theorien waren weniger umfassend, und ihre Anhänger bildeten viele verschiedene Splittergruppen. In den letzten paar Jahren schlossen sich diese verschiedenen Splittergruppen jedoch schnell zu einer dritten umfassenderen Theorie der menschlichen Natur zusammen, die man eine "Dritte Kraft" nennen könnte. Diese Gruppe schließt die Adlerianer, Rankianer und Jungianer ein, ebenso alle Neofreudianer (oder Neoadlerianer) und die Postfreudianer (sowohl die psychoanalytischen Ich-Psychologen als auch Schriftsteller wie Marcuse, Wheelis, Marmor, Szasz, N. Brown, H. Lynd und Schachtel, der die Arbeit der talmudischen Psychoanalytiker fortsetzt). Außerdem wächst der Einfluß von Kurt Goldstein und seiner organismischen Psychologie ständig, desgleichen der Einfluß der Gestalttherapie, der Gestaltpsychologen und Lewinianer, der allgemeinen Semantizisten und solcher Persönlichkeits-Psychologen wie G. Allport, G. Murphy, J. Moreno und H. A. Murray. Die existentielle Psychologie und Psychiatrie ist ein neuer und mächtiger Einfluß. Dutzende weiterer einflußreicher Forscher können als Selbst-Psychologen, phänomenologische Psychologen, Wachstums-Psychologen, Rogersianer, humanistische Psychologen bezeichnet und in Gruppen zusammengefaßt werden, usw. usf. Eine umfassende Aufstellung ist unmöglich. Eine einfachere Gruppierung ergibt sich aus den fünf Zeitschriften, in denen diese Gruppe am häufigsten publiziert. Sie sind alle relativ neu: Journal of individual Psychology; American Journal of Psychoanalysis; Journal of Existential Psychiatry; Review of Existential Psychology and Psychiatry und die neueste, das Journal of Humanistic Psychology. Zusätzlich gibt es noch die Zeitschrift Manas, die diesen Standpunkt auf die persönliche und gesellschaftliche Philosophie des gebildeten Laien überträgt. Die Bibliographie am Ende dieses Buches, obwohl sie nicht vollständig ist, bietet eine gute Auswahl der Schriften dieser Gruppe. Auch das vorliegende Buch gehört zu dieser Geistesrichtung.

Vorwort zur zweiten Auflage

Seit dem Erscheinen dieses Buches hat sich in der Welt der Psychologie viel ereignet. Die "Humanistische Psychologie" ("Humanistic Psychology") – wie sie am häufigsten genannt wird – hat sich als mögliche dritte Alternative zur objektivistischen, behavioristischen (mechanomorphen) Psychologie und zum orthodoxen Freudianismus fest etabliert. Ihre Literatur ist groß und nimmt ständig zu. Außerdem gelangt sie allmählich zur Anwendung, vor allem in der Erziehung, Industrie, Religion, Organisation und im Management, in der Therapie und in der Selbsterziehung, ferner durch verschiedene andere "Eupsychische" ("Eupsychian") Organisationen, Zeitschriften und Individuen.
Ich muß gestehen, daß ich soweit bin, diesen humanistischen Trend in der Psychologie als eine Revolution im wahrsten, ältesten Sinne des Wortes zu betrachten, in jenem Sinne, in dem Galilei, Darwin, Einstein, Freud und Marx Revolutionen gemacht haben, d.h. neue Wege der Wahrnehmung und des Denkens, neue Betrachtungsweisen von Mensch und Gesellschaft, neue Konzeptionen der Ethik und der Werte, neue Richtungen des Fortschritts.

Diese "Dritte Psychologie" ("Third Psychology") ist im Augenblick nur eine Facette einer allgemeinen Weltanschauung, einer neuen Lebensphilosophie, einer neuen Konzeption des Menschen, der Beginn eines neuen Jahrhunderts der Arbeit (selbstverständlich nur, wenn es uns gelingt, die allgemeine Katastrophe abzuwenden). Für jeden Menschen guten Willens, jeden Menschen, der für das Leben Stellung bezieht, gibt es hier Aufgaben, gibt es effektive, lohnende, befriedigende Arbeit zu leisten, die dem eigenen Leben und dem Leben anderer Menschen neuen, bedeutenden Sinn verleihen kann.

Diese Psychologie ist nicht rein deskriptiv oder akademisch; sie enthält Aufforderungen zur Tat und schließt Konsequenzen ein. Sie führt zu einer neuen Lebensweise, nicht nur für den Menschen innerhalb der eigenen, privaten Psyche, sondern auch für denselben Menschen als soziales Wesen, als ein Mitglied der Gesellschaft. Tatsächlich hilft sie uns, zu erkennen, wie stark diese beiden Aspekte des Lebens miteinander verwoben sind. Letztlich ist der beste "Helfer" der "gute Mensch". Denn oft schadet der Kranke oder Unzulängliche nur, wo er helfen will.

Ich sollte auch sagen, daß ich die Humanistische Psychologie, die "Psychologie der Dritten Kraft" ("Third Force Psychology") als vorübergehend betrachte, als Vorbereitung für eine noch "höhere" Vierte Psychologie, die überpersönlich, transhuman ist, ihren Mittelpunkt im All hat, nicht in menschlichen Bedürfnissen und Interessen, und die über Menschlichkeit, Identität, Selbstverwirklichung und ähnliches hinausgeht. Es wird bald (1968) ein Journal der Transpersonalen Psychologie geben, von demselben Tony Sutich organisiert, der das Journal der Humanistischen Psychologie begründet hat. Diese neuen Entwicklungen können sehr wahrscheinlich eine greifbare, mögliche und wirksame Befriedigung des "frustrierten Idealismus" vieler verzweifelter, besonders junger Menschen bieten. Sie können sich zu einer Lebensphilosophie entwickeln, zu einem Religionssurrogat, zu dem Wertsystem und Lebensprogramm, das man bisher vermißt hat.

Ohne das Transzendente und Transpersonale werden wir krank, gewalttätig, nihilistisch oder sogar hoffnungslos und apathisch. Wir brauchen etwas "Größeres, als wir es selbst sind", um Ehrfurcht davor zu empfinden und uns in einer neuen, naturalistischen, empirischen, nichtkirchlichen Weise zu engagieren, vielleicht wie es Thoreau und Whitman, William James und John Dewey getan haben.

Ich glaube, daß eine weitere Aufgabe, die erfüllt werden muß, bevor wir eine gute Welt zustande bringen können, darin besteht, eine humanistische und transpersonale Psychologie des Bösen zu entwickeln, die aus Mitleid und Liebe zur menschlichen Natur geschrieben werden müßte, nicht aus Ekel vor ihr oder aus Hoffnungslosigkeit. Die Korrekturen, die ich in dieser neuen Ausgabe angebracht habe, gelten vor allem diesem Bereich. Wo ich, ohne kostspielige Überarbeitungen, dazu imstande war, habe ich meine Psychologie des Bösen klargestellt – "Böses von oben" und nicht von unten. Bei sorgfältiger Lektüre werden diese Überarbeitungen klar werden, auch wenn sie äußerst kondensiert sind.

Die Erwähnung des Bösen mag für die Leser des vorliegenden Buches wie ein Paradox erscheinen, wie ein Widerspruch zu den Hauptthesen, doch so ist es ganz entschieden nicht. Es gibt sicherlich gute und starke und erfolgreiche Menschen auf der Welt – Heilige, Weise, gute Führer, Verantwortliche, S-Politiker, Staatsmänner, starke Männer, Sieger und nicht Verlierer, Konstruktive und nicht Destruktive, Eltern mehr als Kinder. Solche Menschen stehen jedem zur Verfügung, der sie untersuchen will, wie ich es getan habe. Doch es gibt andererseits wenige von ihnen, obwohl es mehr geben könnte, und sie werden oft von ihren Mitmenschen schlecht behandelt. So muß auch dieser Sachverhalt untersucht werden, diese Angst vor der Reife und der Gottähnlichkeit, die man mit der Reife erlangt, diese Angst davor, sich tugendhaft, selbstliebend, liebenswert, achtenswert zu fühlen. Besonders müssen wir lernen, unsere törichte Neigung zu transzendieren, die unser Mitgefühl mit den Schwachen in Haß für die Starken münden läßt.

Jungen und ehrgeizigen Psychologen, Soziologen und Sozialwissenschaftlern im allgemeinen empfehle ich, hier weiter zu forschen. Und auch anderen Menschen guten Willens, die eine bessere Welt aufbauen wollen, empfehle ich nachdrücklich, sich der Wissenschaft – der humanistischen Wissenschaft – anzunehmen; sie ist ein sehr guter und notwendiger Weg, vielleicht der beste von allen, die Welt zu betrachten.

Wir verfügen heute einfach nicht über genügend verläßliches Wissen, um den Aufbau der Einen Guten Welt voranzutreiben. Wir haben nicht einmal genügend Wissen, um einzelne zu lehren, wie man einander liebt – zumindest nicht mit einiger Gewißheit. Ich bin überzeugt, daß die beste Antwort in der Förderung und im Fortschritt des Wissens liegt. Meine Psychologie der Wissenschaft und Polanyi’s Persönliches Wissen sind deutliche Fingerzeige, daß das Leben der Wissenschaft auch ein Leben der Leidenschaft, Schönheit und Hoffnung für die Menschheit und eine Offenbarung von Werten sein kann.

Einleitung: Zu einer Psychologie der Gesundheit

Eine neue Konzeption der menschlichen Krankheit und der menschlichen Gesundheit beginnt sich am Horizont abzuzeichnen, eine Psychologie, die ich für so aufregend und so voll von wunderbaren Möglichkeiten halte, daß ich der Versuchung nachgebe, sie öffentlich darzulegen, noch bevor sie geprüft und bestätigt ist und bevor man sie als zuverlässige wissenschaftliche Erkenntnis bezeichnen kann. Ihre grundlegenden Annahmen sind die folgenden:

1.       Jeder von uns besitzt eine wesentliche, biologisch begründete innere Natur, die bis zu einem gewissen Grad "natürlich", wirklich, gegeben und – in einem bestimmten beschränkten Sinne – unabänderlich oder zumindest unverändert ist.

2.       Die innere Natur jedes Menschen ist zum Teil einzigartig und zum Teil ein Gattungscharakteristikum.

3.       Man kann diese innere Natur wissenschaftlich untersuchen und ihre Beschaffenheit entdecken (nicht erfinden: entdecken).

4.       Diese innere Natur, soweit wir bisher über sie Bescheid wissen, scheint an sich nicht primär oder notwendig böse zu sein. Die Grundbedürfnisse (nach Leben, Sicherheit und Geborgenheit, Zugehörigkeit und Zuneigung, Achtung und Selbstachtung und Selbstverwirklichung), die grundlegenden menschlichen Emotionen und die grundlegenden menschlichen Fähigkeiten sind offenbar entweder neutral, prämoralisch oder positiv "gut". Destruktivität, Sadismus, Grausamkeit, Bosheit usw. scheinen nicht inhärent zu sein, sondern eher heftige Reaktionen auf Frustrationen unserer inhärenten Bedürfnisse, Emotionen und Fähigkeiten darzustellen. Ärger ist an sich nicht böse, auch nicht Furcht, Faulheit oder gar Unwissenheit. Selbstverständlich können sie zu bösem Verhalten führen und tun es auch, doch es muß nicht so sein. Dieses Ergebnis ist nicht eigentlich notwendig. Die menschliche Natur ist bei weitem nicht so schlecht, wie man gedacht hat. Tatsächlich kann man sagen, daß die Möglichkeiten der menschlichen Natur unter ihrem Wert verkauft worden sind.

5.       Da diese innere Natur gut oder eher neutral als schlecht ist, ist es besser, sie zu fördern und zu ermuntern, anstatt sie zu unterdrücken. Wenn man ihr erlaubt, unser Leben zu leiten, wachsen wir gesund, fruchtbar und glücklich.

6.       Unterdrückt oder verneint man diesen wesentlichen Kern der Person, so wird er krank, manchmal in einer offenkundigen, manchmal in einer subtilen Weise, zuweilen sofort, zuweilen später.

7.       Diese innere Natur ist nicht stark, übermächtig und unverkennbar wie die Instinkte der Tiere. Sie ist schwach, delikat, subtil und durch Gewohnheit, kulturellen Druck und falsche Haltung ihr gegenüber leicht zu überwältigen.

8.       Auch wenn sie schwach ist, verschwindet sie nur selten in einer normalen Person – vielleicht nicht einmal in einer kranken Person. Auch wenn sie negiert wird, besteht sie im Verborgenen weiter und drängt nach Verwirklichung.

9.       Irgendwie müssen diese Folgerungen alle im Hinblick auf die Notwendigkeit von Disziplin, Deprivation, Frustration, Schmerz und Tragödie artikuliert werden. Je mehr diese Erfahrungen unsere innere Natur offenbaren, stärken und erfüllen, desto wünschenswerter sind diese Erfahrungen. Es wird immer klarer, daß diese Erfahrungen etwas mit einem Sinn für Leistung und Ich-Stärke zu tun haben, und deshalb mit dem Sinn für gesunde Selbstachtung und gesundes Selbstvertrauen. Ein Mensch, der nichts gemeistert, ertragen und überwunden hat, zweifelt auch weiterhin, daß er es könnte. Das gilt nicht nur für äußere Gefahren; es gilt auch für die Fähigkeit, die eigenen Impulse zu kontrollieren und zu hemmen, um vor ihnen keine Angst mehr haben zu müssen.

Wenn diese Annahmen sich als richtig erweisen, versprechen sie eine wissenschaftliche Ethik, ein natürliches Wertsystem, einen Obersten Gerichtshof für die Entscheidung über Gut und Böse, Richtig und Falsch. Je mehr wir über die natürlichen Tendenzen des Menschen erfahren, um so leichter wird es sein, ihm zu sagen, wie er gut, glücklich und fruchtbar sein kann, wie er sich selbst achten, wie er lieben und seine höchsten inneren Möglichkeiten erfüllen kann. Das kommt einer automatischen Lösung vieler seiner zukünftigen Persönlichkeitsprobleme gleich. Offensichtlich kommt es darauf an, herauszufinden, wie man tief in seinem Inneren wirklich beschaffen ist, als Mitglied der menschlichen Spezies und als einzelnes Individuum.

Die Untersuchung jener Menschen, die sich selbst verwirklichen, kann uns viel über unsere eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten lehren, auch über die genaue Richtung, in der wir uns entwickeln. Jedes Zeitalter außer dem unseren hatte sein Modell, sein Ideal. Unsere Kultur hat sie alle aufgegeben: den Heiligen, den Helden, den Gentleman, den Ritter, den Mystiker. Alles, was uns geblieben ist, ist der gut angepaßte Mensch ohne Probleme, ein sehr blasser und zweifelhafter Ersatz. Vielleicht werden wir bald imstande sein, uns des vollentwickelten und sich selbst erfüllenden menschlichen Wesens als Führer und Modell zu bedienen, jenes Wesens, in dem alle Möglichkeiten zur vollen Entfaltung gelangen, dessen innere Natur sich frei ausdrückt, anstatt verbogen, unterdrückt oder verneint zu werden.

Jeder sollte für sich allein ernsthaft, klar und nachdrücklich erkennen, daß sich jeder Abfall von den Werten der menschlichen Spezies, jedes Vergehen gegen die eigene Natur, jede böse Tat ausnahmslos unserem Unbewußten einprägt und die Ursache dafür ist, daß wir uns selbst verachten. Karen Horney hat ein treffendes Wort gefunden, um dieses unbewußte Wahrnehmen und Erinnern zu beschreiben; sie sagte, es "registriert". Wenn wir etwas tun, dessen wir uns schämen, "registriert" es zu unserem Nachteil; tun wir aber etwas Ehrliches oder Gutes, dann "registriert" es zu unserem Vorteil. Die Nettoresultate befinden sich entweder auf der einen oder auf der anderen Seite – entweder wir respektieren und akzeptieren uns oder wir verachten uns und fühlen uns verächtlich, wertlos und unwürdig, geliebt zu werden. Die Theologen pflegten das Wort "acedia" (mlat. "accidia") zu verwenden, um jene Sünde zu beschreiben, die darin besteht, daß ein Mensch nicht all das aus seinem Leben macht, was er daraus machen könnte.

Diese Betrachtungsweise negiert in keiner Weise das übliche Freudsche Bild. Doch es ergänzt und erweitert es. Um die Sache stärker zu simplifizieren: Es ist, als hätte Freud uns die kranke Hälfte der Psychologie geliefert, die wir jetzt mit der gesunden Hälfte ergänzen müssen. Vielleicht räumt uns diese Psychologie der Gesundheit mehr Möglichkeiten ein, unser Leben zu kontrollieren, zu verbessern und aus uns bessere Menschen zu machen. Vielleicht ist das fruchtbarer als danach zu fragen, "wie man nicht-krank wird".

Wie können wir eine freie Entwicklung fördern? Was sind die besten Erziehungsbedingungen dafür? Sind es sexuelle, ökonomische oder politische? Welche Art der Welt brauchen wir für solche Menschen, damit sie sich darin entwickeln können? Welche Art der Welt schaffen solche Menschen? Kranke Menschen werden von einer kranken Kultur gemacht; gesunde Menschen von einer gesunden Kultur. Doch es ist ebenso wahr, daß kranke Individuen ihre Kultur kranker machen und gesunde Individuen die ihre gesünder. Die Verbesserung der individuellen Gesundheit ist ein Weg zur Schaffung einer besseren Welt. Um es anders auszudrücken: Die Förderung der persönlichen Entwicklung ist eine reale Möglichkeit; die Heilung der tatsächlichen neurotischen Symptome ist ohne Hilfe von außen viel weniger möglich. Es ist relativ leicht, bewußt ein ehrlicherer Mensch zu werden; es ist aber sehr schwierig, die eigenen Zwänge und Obsessionen zu kurieren.

In der klassischen Betrachtung der Persönlichkeitsprobleme sind es Probleme in einem unerwünschten Sinn. Kampf, Konflikt, Schuld, schlechtes Gewissen, Angst, Depression, Frustration, Spannung, Scham, Selbstbestrafung, Gefühle der Minderwertigkeit und Wertlosigkeit – sie alle verursachen psychischen Schmerz, stören die Leistungsfähigkeit und sind unkontrollierbar. Man betrachtet sie daher automatisch als kranke und unerwünschte Symptome, die sobald wie möglich "geheilt" werden sollten.
Doch alle diese Symptome findet man auch bei gesunden Menschen oder bei Menschen, die gerade gesund werden. Angenommen, man sollte Schuldgefühle haben und hat sie nicht? Angenommen, man hat eine erfreuliche Stabilisierung der Kräfte erreicht und ist angepaßt? Vielleicht sind Anpassung und Stabilität – obwohl gut, weil sie Schmerz beseitigen – insofern schlecht, als mit ihnen jede Entwicklung zu einem höheren Ideal aufhört?

Erich Fromm attackierte in einem sehr wichtigen Buch das klassische Freudsche Konzept des Über-Ichs, weil es durchweg autoritär und relativistisch ist. Das bedeutet, daß Freud das Über-Ich oder das Gewissen primär als Verinnerlichung der Wünsche, Forderungen und Ideale der Eltern sah, wer auch immer diese zufällig waren. Doch angenommen, es waren Verbrecher? Was für ein Gewissen hat man dann? Oder angenommen, man hat einen starren moralisierenden Vater, der die Freude haßt? Oder man hat einen Psychopathen als Vater? Ein solches Gewissen existiert – Freud hat recht. Wir bekommen unsere Ideale tatsächlich von solchen frühen Gestalten und nicht aus den Schulbüchern, die wir später im Leben lesen. Aber es gibt auch noch ein anderes Element im Gewissen oder – wenn man will – eine andere Art des Gewissens, das wir alle schwach oder stark ausgeprägt besitzen. Es ist das "innere" Gewissen, das auf der unbewußten und vorbewußten Wahrnehmung unserer eigenen Natur, unseres Schicksals oder unserer Fähigkeiten beruht, unserer eigenen "Berufung" im Leben. Es besteht darauf, daß wir unserer inneren Natur treu bleiben und daß wir sie nicht aus Schwäche oder um eines Vorteils oder anderer Gründe willen verleugnen. Wer sein Talent verleugnet – der geborene Maler, der statt zu malen Socken verkauft, der intelligente Mensch, der ein stupides Leben führt, der Mann, der die Wahrheit sieht und trotzdem schweigt, der Feigling, der seine Courage aufgegeben hat –, alle diese Menschen nehmen in einer sehr tiefen Art wahr, daß sie sich selbst unrecht getan haben, und verachten sich deswegen. Aus dieser Selbstbestrafung entsteht vielleicht eine Neurose, aber ebensogut kann daraus erneuerte Courage, wahre Empörung, größere Selbstachtung entstehen, weil man nachher das Richtige tut; in einem Wort: Wachstum und Vervollkommnung können durch Schmerz und Konflikt entstehen.

Im Grunde lehne ich absichtlich unsere gegenwärtige so leichtgemachte Unterscheidung zwischen Krankheit und Gesundheit ab, zumindest soweit es Oberflächensymptome betrifft. Bedeutet Krankheit, daß man Symptome aufweist? Ich behaupte jetzt, daß Krankheit darin bestehen kann, daß man wider Erwarten keine Symptome hat. Bedeutet Gesundheit, frei von Symptomen zu sein? Ich leugne es. Wer unter den Nazis in Auschwitz oder Dachau war gesund? Jene mit einem gepeinigten Gewissen oder jene mit einem hübschen, reinen, glücklichen Gewissen? War es für einen zutiefst humanen Menschen möglich, nicht Konflikt, Leiden, Depression, Wut usw. zu verspüren?
In einem Wort: Wenn Sie mir sagen, daß Sie ein Persönlichkeitsproblem haben, bin ich nicht sicher, bevor ich Sie besser kenne, ob ich "Gut!" oder "Es tut mir leid" sagen soll. Es hängt von den Gründen ab. Und diese, scheint mir, können schlechte oder gute Gründe sein.

Ein Beispiel ist die veränderte Haltung von Psychologen der Popularität, der Anpassung, ja sogar der Kriminalität gegenüber. Populär bei wem? Vielleicht ist es für einen Jugendlichen besser, bei den benachbarten Snobs oder bei der lokalen High-Society unpopulär zu sein. Angepaßt an was? An eine schlechte Kultur? An einen dominierenden Elternteil? Was soll man über einen gut angepaßten Sklaven denken? Über einen gut angepaßten Gefangenen? Sogar den Jugendlichen mit einem Verhaltensproblem betrachtet man mit neuer Toleranz. Warum wird er delinquent? Meistens aus Krankheitsgründen. Doch gelegentlich geschieht es auch aus guten Gründen, etwa wenn sich der Jugendliche einfach gegen Ausbeutung, Vernachlässigung, Verachtung, Beherrschung und dagegen auflehnt, daß man ihn mit Füßen tritt.

Was man als Persönlichkeitsproblem bezeichnet, hängt weitgehend von dem ab, der es so bezeichnet. Der Sklavenhalter? Der Diktator? Der patriarchalische Vater? Der Ehemann, der von seiner Frau verlangt, daß sie ein Kind bleibt? Es scheint ziemlich klar zu sein, daß Persönlichkeitsprobleme manchmal laute Proteste gegen das Brechen der eigenen psychologischen Knochen, gegen die Zerstörung der eigenen wahren inneren Natur sein können. Krank ist dann, nicht dagegen zu protestieren, während dieses Verbrechen begangen wird. Und ich bedaure, von meinem Eindruck berichten zu müssen, daß die meisten Menschen gegen eine solche Behandlung nicht einmal protestieren. Sie nehmen sie hin und zahlen später dafür mit neurotischen und psychosomatischen Symptomen verschiedener Art; vielleicht werden sie sich in manchen Fällen gar nicht bewußt, daß sie krank sind und das wahre Glück verfehlt haben, die wahre Erfüllung des Versprechens auf ein reiches emotionales Leben und ein heiteres fruchtbares Alter – daß sie nie gewußt haben, wie herrlich es ist, schöpferisch zu sein, ästhetisch zu reagieren, das Leben aufregend zu finden.

Die Frage des wünschenswerten oder gar notwendigen Schmerzes oder Leidens muß klar gesehen werden. Ist Wachstum und Selbstverwirklichung ohne Schmerz, Leid, Kummer und Aufruhr überhaupt möglich? Wenn sie schon bis zu einem gewissen Ausmaß notwendig und unvermeidlich sind – wo liegen dann die Grenzen? Wenn Kummer und Schmerz manchmal für das Wachsen eines Menschen notwendig sind, dann müssen wir lernen, die Menschen nicht automatisch davor zu behüten, als wären Kummer und Schmerz immer schlecht. Manchmal können sie im Hinblick auf die letztlich guten Folgen gut und erwünscht sein. Menschen nicht ihren Schmerz erleiden zu lassen und sie davor zu behüten, mag sich als eine Art von Überprotektion herausstellen, was wiederum einen gewissen Mangel an Achtung für die Integrität und die innere Natur und die zukünftige Entwicklung des einzelnen Individuums impliziert.

Defizit-Motivation und Wachstums-Motivation

Der Begriff "Grundbedürfnis" ("basic need") kann durch die Fragen definiert werden, die er beantwortet, wie durch die Verfahren, die ihn aufgedeckt haben. Meine ursprüngliche Frage betraf die Psychopathogenese. "Was macht Menschen neurotisch?" Meine Antwort (eine Modifizierung und – wie ich glaube – eine Verbesserung der analytischen Antwort) lautete in knapper Form, daß die Neurose in ihrem Kern und an ihrem Anfang eine Defizit-Krankheit zu sein schien; daß sie aus der Deprivation gewisser Befriedigungen entstand, die ich Bedürfnisse in demselben Sinne nannte, wie Wasser und Aminoacide und Kalzium Bedürfnisse sind, weil ihr Defizit Krankheit hervorruft. Die meisten Neurosen bestanden, gemeinsam mit anderen komplexen Determinanten, aus unerfülltem Verlangen nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Identifikation, nach engen Liebesbeziehungen, Respekt und Prestige. Meine "Daten" wurden innerhalb von zwölf Jahren psychotherapeutischer Forschungsarbeit, nach zwanzig Jahren des Persönlichkeitsstudiums, gesammelt. Eine offenkundige Kontrolluntersuchung (zur selben Zeit und in demselben Verfahren vorgenommen) betraf die Wirkung der Ersatztherapie, die mit vielen Komplexitäten zeigte, daß die Krankheit zu verschwinden begann, wenn die Defizite eliminiert wurden.

Diese Folgerungen, die jetzt in der Tat von den meisten Klinikern, Therapeuten und Kinderpsychologen geteilt werden (viele würden sie anders formulieren als ich), ermöglichen es Jahr für Jahr mehr, Bedürfnisse in einer natürlichen, leichten und spontanen Weise als Verallgemeinerung vorhandener experimenteller Daten zu definieren.
Die permanenten Defizit-Merkmale sind also die folgenden. Es handelt sich um ein grundlegendes oder instinktoides Bedürfnis, wenn

1.       Fehlen Krankheit hervorruft,
2.       Vorhandensein Krankheit vermeidet,
3.       Wiederherstellung Krankheit heilt,
4.       es in gewissen (sehr komplexen) und freigewählten Situationen von der deprivierten Person anderen Befriedigungen vorgezogen wird,
5.       es inaktiv, auf niedriger Ebene oder funktionell abwesend in der gesunden Person vorgefunden wird.

Zwei zusätzliche Merkmale sind subjektiv, nämlich bewußte oder unbewußte Sehnsucht, das Gefühl des Fehlens oder des Mangels, wie von etwas, das einerseits nicht vorhanden ist und andrerseits "gut schmeckt".

Noch ein letztes Wort zur Definition. Viele der Probleme, mit denen sich die Autoren in diesem Bereich geplagt haben, wenn sie die Motivation zu definieren und einzugrenzen versuchten, sind die Folge der ausschließlichen Forderung nach beobachtbaren, äußeren Verhaltenskriterien. Das ursprüngliche Kriterium der Motivation und dasjenige, das noch immer von allen Menschen außer den Behavioristen verwendet wird, ist das subjektive. Ich bin motiviert, wenn ich ein Verlangen oder ein Bedürfnis oder eine Sehnsucht oder einen Wunsch oder einen Mangel verspüre. Noch ist kein objektiv feststellbarer Zustand gefunden worden, der mit diesen subjektiven Berichten halbwegs korreliert, d.h. noch hat man keine taugliche behavioristische Definition der Motivation gefunden.

Selbstverständlich sollten wir weiter nach objektiven Korrelaten oder Indikatoren subjektiver Zustände suchen. An dem Tag, an dem wir eine öffentliche und externe Indikation von Freude oder von Angst oder von Verlangen entdecken, wird die Psychologie um ein Jahrhundert weiter sein. Doch bevor wir diesen Zustand nicht gefunden haben, sollten wir nicht vorgeben, daß es einen gibt. Auch sollten wir nicht die subjektiven Ergebnisse vernachlässigen, über die wir bereits verfügen. Unglücklicherweise können wir von einer Ratte nicht subjektive Berichte verlangen. Zum Glück jedoch können wir den Menschen danach fragen, und es gibt keinen Grund auf der Welt, warum wir es nicht tun sollten, solange wir keine bessere Informationsquelle haben.

Es sind diese Bedürfnisse, die essentielle Defizite im Organismus darstellen, leere Löcher sozusagen, die um der Gesundheit willen gefüllt werden müssen; überdies müssen sie von außen durch andere, mit dem Subjekt nicht identischen Menschen gefüllt werden. Ich möchte sie im Rahmen dieser Darlegung zweckmäßig Defizite oder Defizit-Bedürfnisse nennen und sie gleichzeitig in Kontrast zu anderen, sehr verschiedenen Arten der Motivation stellen.

Niemandem würde es einfallen, die Feststellung zu bezweifeln, daß wir Jod oder Vitamin C "brauchen". Ich erinnere daran, daß der Beweis, daß wir Liebe "brauchen", von genau demselben Typus ist.

In den vergangenen Jahren sahen sich immer mehr Psychologen gezwungen, eine Tendenz zum Wachstum oder zur Selbstvervollkommnung anzunehmen, um die Begriffe des Gleichgewichts, der Homöostase, der Spannungsreduktion, der Abwehr und anderer konservierender Motivationen zu ergänzen. Das geschah aus verschiedenen Gründen.

1.       Psychotherapie. Der Drang nach Gesundheit macht die Therapie möglich. Er ist eine absolute Conditio sine qua non. Wenn es keinen solchen Drang gäbe, wäre die Therapie in dem Ausmaß unerklärlich, in dem sie über den Aufbau von Abwehr gegen Schmerz und Angst hinausgeht.

2.       Hirnverletzte Kriegsversehrte. Goldstein’s Arbeit ist weithin bekannt. Er hat es für notwendig gehalten, den Begriff der Selbstverwirklichung einzuführen, um die Reorganisation der Fähigkeiten eines Menschen nach der Verwundung zu erklären.

3.       Psychoanalyse. Einige Analytiker, besonders Fromm und Horney, hielten es für unmöglich, auch nur die Neurosen zu verstehen, ohne die These zu postulieren, sie seien eine verzerrte Version des Impulses zum Wachstum, zur Vervollkommnung der Entwicklung, zur Erfüllung der eigenen Möglichkeiten.

4.       Kreativität. Das allgemeine Thema der Kreativität wird durch die Erforschung der gesunden Heranwachsenden und Erwachsenen in ein neues Licht gestellt, vor allem im Kontrast zu Kranken. Insbesondere fordert die Theorie der Kunst und Kunsterziehung den Begriff des Wachstums und der Spontaneität.

5.       Kinderpsychologie. Die Beobachtung von Kindern zeigt immer deutlicher, daß sich gesunde Kinder ihres Wachsens und Vorwärtsbewegens erfreuen und gern neue Kunstfertigkeiten, Kapazitäten und Kräfte erwerben. Das steht im direkten Gegensatz zu jener Version der Freudschen Theorie, die annimmt, daß jedes Kind verzweifelt an jeder gelungenen Anpassung und an jedem Zustand der Ruhe oder des Gleichgewichts hängt. Nach dieser Theorie muß das widerspenstige und vorsichtige Kind ständig vorwärtsgestoßen werden, aus dem komfortablen, bevorzugten Ruhezustand in eine neue beängstigende Situation hinein.

Während diese Freudsche Konzeption immer wieder von Klinikern im Hinblick auf unsichere und verängstigte Kinder als weitgehend richtig bestätigt wird und sicher für alle menschlichen Wesen zu einem Teil auch stimmt, so trifft sie doch in der Hauptsache bei gesunden, glücklichen, geborgenen Kindern nicht zu. Wir sehen bei solchen Kindern deutlich den Wunsch zu wachsen, zu reifen, die alte Anpassung als abgetragen wie ein Paar alter Schuhe fallen zu lassen. Wir beobachten an ihnen mit besonderer Deutlichkeit nicht nur das Verlangen nach neuen Kunstfertigkeiten, sondern auch die sehr deutliche und wiederholte Freude daran, was Karl Bühler Funktionslust nannte.

Für die Autoren dieser verschiedenen Gruppen, insbesondere Fromm, Horney, Jung, Ch. Bühler, Angyal, Rogers, G. Allport, Schachtel, Lynd und in jüngster Zeit für einige katholische Psychologen sind Wachsen, Individuation, Autonomie, Selbstverwirklichung, Selbstentfaltung, Produktivität im großen und ganzen Synonyme, die alle einen mehr vage wahrgenommenen Bereich als einen klar definierten Begriff bezeichnen. Meiner Meinung nach ist es gegenwärtig nicht möglich, diesen Bereich klar zu definieren. Es ist auch nicht wünschenswert, da eine Definition, die sich nicht leicht und natürlich aus wohlbekannten Tatsachen ergibt, eher hinderlich und verzerrend als hilfreich sein kann, weil sie wahrscheinlich falsch oder verfehlt ist, wenn sie a priori durch einen Willensakt entsteht. Wir wissen noch nicht genug über das Wachstum, um es hinreichend definieren zu können.

Seine Bedeutung kann man eher andeuten als definieren, teils durch positive Hinweise, teils durch negativen Kontrast, durch das, was es nicht ist. Es ist zum Beispiel nicht identisch mit Gleichgewicht, Homöostase, Spannungsreduktion usw.

Die Notwendigkeit eines solchen Begriffs für seine Proponenten leitete sich teilweise aus der Unzufriedenheit ab (gewisse neue Phänomene fanden einfach in den vorhandenen Theorien keinen Platz), teilweise aus dem positiven Bedürfnis nach Theorien und Konzepten, die sich den neuen humanistischen Wertsystemen, welche aus dem Zusammenbruch der älteren Wertsysteme entstanden, besser anpassen ließen.

Die vorliegende Abhandlung beruht jedoch hauptsächlich auf direkten Untersuchungen psychologisch gesunder Individuen. Sie wurden nicht nur aus einem echten und persönlichen Interesse unternommen, sondern auch, um für die Theorie der Therapie, der Pathologie und daher der Werte ein besseres Fundament zu legen. Die wahren Ziele der Erziehung, des Familientrainings, der Psychotherapie, der Selbstentfaltung können, wie mir scheint, nur durch einen solchen direkten Angriff entdeckt werden. Das Endprodukt des Wachstums lehrt uns viel über die Wachstumsprozesse. In einem jüngst erschienenen Buch habe ich beschrieben, was aus dieser Untersuchung zu lernen war. Ich habe darüber hinaus sehr frei über die verschiedenen möglichen Folgen für die allgemeine Psychologie theoretisiert, die sich aus dieser Art der direkten Erforschung guter, nicht schlechter, gesunder, nicht kranker Menschen, des Positiven wie auch des Negativen ergeben. (Ich muß davor warnen, die Ergebnisse als zuverlässig anzusehen, bevor nicht ein anderer die Untersuchung wiederholt hat. Die Möglichkeiten der Projektion sind in einer solchen Untersuchung sehr real, die Wahrscheinlichkeit hingegen, daß sie vom Forscher selbst bemerkt werden, sehr gering.) Ich möchte jetzt einige der von mir beobachteten Unterschiede diskutieren, die zwischen der Motivation von gesunden Menschen und der Motivation von anderen Menschen existieren, d.h. zwischen Menschen, die von Wachstums-Bedürfnissen motiviert werden, im Gegensatz zu denjenigen, die von Grundbedürfnissen motiviert werden.

Soweit es den Motivationsstatus betrifft, haben gesunde Menschen ihre Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Geborgenheit, Liebe, Achtung und Selbstbewußtsein ausreichend befriedigt, so daß sie primär von Tendenzen zur Selbstverwirklichung motiviert werden (definiert als fortschreitende Verwirklichung der Möglichkeiten, Fähigkeiten und Talente, als Erfüllung einer Mission oder einer Berufung, eines Geschicks, eines Schicksals, eines Auftrags, als bessere Kenntnis und Aufnahme der eigenen inneren Natur, als eine ständige Tendenz zur Einheit, Integration oder Synergie innerhalb der Persönlichkeit).

Dieser verallgemeinerten Definition wäre eine beschreibende und operative vorzuziehen, die ich bereits veröffentlicht habe. Dort werden gesunde Menschen durch die Beschreibung ihrer klinisch beobachteten Merkmale definiert. Es sind folgende:

1.       Größere Wahrnehmung der Realität.
2.       Wachsende Akzeptierung seiner selbst, der anderen und der Natur.
3.       Zunehmende Spontaneität.
4.       Bessere Problemzentrierung.
5.       Größere Distanz und Sehnsucht nach Zurückgezogenheit.
6.       Wachsende Autonomie und Resistenz gegen Akkulturation.
7.       Größere Frische des Verständnisses, größerer Reichtum der emotionalen Reaktion.
8.       Höhere Frequenz der Grenzerfahrungen.
9.       Wachsende Identifikation mit der menschlichen Spezies.
10.     Veränderte (der Kliniker würde sagen, verbesserte) zwischenmenschliche Beziehungen.
11.     Demokratischere Charakterstruktur.
12.     Stark zunehmende Kreativität.
13.     Gewisse Wandlungen im Wertsystem.

Darüber hinaus werden in diesem Buch auch die Begrenzungen beschrieben, die sich für die Definition aus unvermeidlichen Mängeln in den Stichproben und in der Verfügbarkeit der Angaben ergeben.

Eine größere Schwierigkeit mit dieser Konzeption, soweit sie bisher beschrieben wurde, liegt in ihrem etwas statischen Charakter. Selbstverwirklichung, wie ich sie meistens an älteren Menschen untersucht habe, stellt sich als ein äußerster oder endgültiger Zustand dar, als ein fernes Ziel, nicht als ein dynamischer Prozeß, der durch das ganze Leben hindurch aktiv bleibt, also Sein und nicht Werden.

Wenn wir das Wachstum als die verschiedenen Prozesse definieren, die den Menschen der äußersten Selbstverwirklichung näher bringen, dann stimmt dies besser mit der beobachteten Tatsache überein, daß Wachstum während der gesamten Lebenszeit vor sich geht. Es widerlegt auch die schrittweise, sprunghaft auf alles oder nichts ausgerichtete Konzeption des motivationalen Fortschreitens zur Selbstverwirklichung, in der alle Grundbedürfnisse vollständig befriedigt werden, eins nach dem anderen, bevor das nächsthöhere ins Bewußtsein vordringt. Wachstum wird also nicht nur als progressive Befriedigung der Grundbedürfnisse bis zu dem Punkt betrachtet, wo sie "verschwinden", sondern auch in der Form spezifischer Wachstums-Motivationen über diese Grundbedürfnisse hinaus und jenseits von ihnen, z.B. Talente, Fähigkeiten, schöpferische Tendenzen, konstitutionelle Möglichkeiten. Das verhilft uns auch zu der Erkenntnis, daß Grundbedürfnisse und Selbstverwirklichung einander ebensowenig widersprechen wie Kindheit und Reife. Eins geht in das andere über und ist eine notwendige Voraussetzung dafür.

Die Differenzierung zwischen diesen Wachstums-Bedürfnissen und den Grundbedürfnissen, die wir hier untersuchen wollen, ist eine Folge der klinischen Wahrnehmung qualitativer Differenzen zwischen dem motivationalen Leben der Selbstverwirklicher und dem anderer Menschen. Diese weiter unten angeführten Differenzen werden ganz gut, wenn auch nicht vollkommen, durch die Bezeichnungen Defizit-Bedürfnisse und Wachstums-Bedürfnisse beschrieben. Es sind zum Beispiel nicht alle physiologischen Bedürfnisse Defizite, etwa Sex, Ausscheidung, Schlaf und Ruhe.

Jedenfalls sieht das psychologische Leben eines Menschen in vielen seiner Aspekte anders aus, wenn er zur Defizit-Bedürfnis-Befriedigung neigt oder wenn er wachstumsbetont oder "metamotiviert" oder wachstumsmotiviert oder selbstverwirklichend ist. Die folgenden Unterschiede machen das klar.

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