Auszüge aus Marianne Leuzinger-Bohleber,
Gerhard Roth & Anna Buchheim's
"Psychoanalyse – Neurobiologie – Trauma"

Frau Prof. Dr. phil. habil Leuzinger-Bohlinger, Direktorin am Sigmund-Freud-Institut, Professorin für Psychoanalytische Psychologie und Direktorin des Instituts für Psychoanalyse an der Universität Kassel.
Herr Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth, Professor für Verhaltensbiologie und Direktor am Institut für Hirnforschung an der Universität Bremen; Rektor des Hanse-Wirtschaftskollegs Delmenhorst.
Frau Dipl.-Psych. Dr. biol. hum. Anna Buchheim, Psychoanalytikerin und Leiterin der Arbeitsgruppe Klinische Bindungsforschung an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universität Ulm.

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Vorwort

Dank der rasanten Entwicklung und Verbreitung bildgebender Verfahren scheint ein alter Traum von Sigmund Freud in Erfüllung zu gehen, nämlich daß es irgendwann möglich sein werde, Erkenntnisse der klinisch-psychoanalytischen Forschung auch mithilfe naturwissenschaftlicher Methoden nachzuweisen. So konnte im Freud-Jahr 2006 aufgrund der Medienberichte der Eindruck entstehen, die Zukunft der Psychoanalyse als wissenschaftliche Disziplin sei vor allem davon abhängig, wie produktiv sie den Dialog mit den Neurowissenschaften nutze. Obschon uns diese Sichtweise als einseitig erscheint und oft von einer erheblichen wissenschaftstheoretischen und -methodischen Naivität zeugt, öffnen sich in der Tat in einigen Gebieten faszinierende Fenster für eine vertiefte Verständigung zwischen diesen beiden Disziplinen. Zweifelsohne gehört die Traumaforschung zu diesen thematischen Feldern, weil die Beschäftigung mit traumatisierten Menschen sowohl in der Psychoanalyse als auch in den Neurowissenschaften weit fortgeschritten ist. Dies war ein Grund, warum die internationale und interdisziplinäre Expertenkonferenz im Februar 2006 im Hanse Wissenschaftskolleg Bremen diesen Fokus wählte. Im vorliegenden Band berichten wir von den wichtigsten Ergebnissen dieser interessanten Tagung.

Es ist schmerzlich, daß Mauro Mancia, der eines der einleitenden Referate zu dieser Expertentagung hielt, die Erscheinung unseres Buches nicht mehr erlebt. Er starb vor einigen Wochen nach einer langen Krankheit. Mauro Mancia gehört zu den Pionieren des Dialogs zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften. Selbst Professor für Psychiatrie und Neurologie war er gleichzeitig Lehranalytiker der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Er verfügte über ein fundiertes Wissen in beiden Disziplinen und organisierte viele internationale Tagungen zur Förderung ihres Austausches, regelmäßig auch an den Konferenzen der European Psychoanalytical Federation. Viele seiner wichtigsten Publikationen waren Brückenbildungen zwischen den beiden Disziplinen, so z.B. der 2006 beim Springer Verlag erschienene Band Psychoanalysis and Neuroscience. Wir werden ihn als Vorreiter des Dialogs zwischen Psychoanalytikern und Neurowissenschaftlern in bester Erinnerung behalten.

Wir danken daher besonders ihm, daß er trotz seiner Krankheit bereit war, das Eingangsreferat zu unserer Tagung zu halten. Auch allen anderen Kolleginnen und Kollegen, die mit ihren fundierten Beiträgen diesen Band gestalten, gilt unser herzlicher Dank. Allerdings wäre die Tagung nicht erfolgreich verlaufen ohne die Unterstützung und das Engagement von Dr. Uwe Opolka. Er hatte die Federführung bei der Antragsstellung für die Finanzierung der Tagung und bei der Organisation im Vorfeld, half aber auch bei den Übersetzungen der englischen Manuskripte ins Deutsche. Nicole Pfennig, Inka Werner, Stefanie Götz und besonders Claudia Campisi unterstützten uns ebenfalls bei den Übersetzungen: sehr herzlichen Dank!

Renate Stebahne und Janine Kuhlewey engagierten sich mit großem Zeitaufwand und sorgfältiger Aufmerksamkeit sowohl für die Tagung als auch für die Publikation. Auch ihnen gilt unser herzlichster Dank!

So hoffen wir mit diesem Band zu einer Weiterentwicklung und Intensivierung des Dialogs zwischen der psychoanalytischen und neurobiologischen Traumaforschung beizutragen und wünschen uns eine breite und kritische Leserschaft.

Trauma im Fokus von Psychoanalyse und Neurowissenschaften

Immer wieder stürzte ein brennendes Haus ein und überschüttete die Straße mit Licht. Erst jetzt bemerkte der Junge, daß das brausende Geräusch der Flammen alle anderen Geräusche übertönte, ein fachendes, sausendes Geräusch, das selbst den Lärm der zusammenstürzenden Fassaden überdeckte. Die Flammen zogen sich an den Häuserfronten entlang bis zum Ende der Straße, da war der undurchdringliche Abschluß der Welt, dahinter war nichts mehr. Die dunklen, rotvioletten Wolken, die Flammenwand, die alles umhüllte, die Menschen, die wie in Zeitlupe vorüberzogen, alle Bewegungen verlangsamt, sich mühsam wie in Trance bewegend, das Ende der Welt war ein apathisches, fast friedliches Bild. Der Junge hatte das Gefühl, er wäre allein auf der Welt und sähe alles aus einer einsamen Distanz, aus einer anderen Entfernung als bisher, die Menschen und ihre Welt ... Menschen, die im Strom der Zeit geboren wurden und die in ihm starben, ohne diese Bewegung zu erkennen. Das war das Todesbild, das der Junge nie vergaß, das er sein Leben lang mit sich trug. Solange er lebte, würde er das vor Augen haben. (Forte 1999, S. 467 f.)

Wie viele andere Schriftsteller beschreibt Dieter Forte die Auswirkungen einer akuten Extremtraumatisierung mit einer bewundernswerten Präzision. Der Junge wird durch die traumatische Erfahrung aus der Wirklichkeit herausgerissen: In einem dissoziativen Zustand erlebt er die Realität um sich herum nun völlig anders, unwirklich, entrückt, von allen anderen Menschen getrennt, isoliert und einsam. Er realisiert intuitiv, daß diese Erfahrung einen existenziellen Bruch in seinem Leben darstellt, den er nun immer mit sich tragen wird. Nichts wird mehr sein wie vorher. Psychoanalytiker wissen aus Behandlungen mit schwer traumatisierten Menschen, daß diese nach solchen Erfahrungen nicht mehr in ihr Leben zurückgefunden haben: Sie sind psychisch "nie ganz da", haben den Boden unter den Füßen dauerhaft verloren, fühlen sich unverbunden mit anderen, nie mehr wirklich als aktives Zentrum ihres eigenen Lebens.

Psychoanalytiker gewinnen ihre Erkenntnisse bekanntlich aus der intensiven Arbeit mit einzelnen Patienten, die sie wegen psychischer oder psychosomatischer Probleme aufsuchen. Die Einsichten in die unbewußten Determinanten seelischen Leidens erweisen sich oft nicht nur als "heilend" bezüglich der seelischen und körperlichen Symptome, sondern auch als "sinnstiftend" in der Weise, als z.B. die bisher unerkannten Auswirkungen erlittener Traumatisierungen nun als Erinnerungen oder Ermahnungen an die eigene, unverwechselbare Lebensgeschichte erkannt und psychisch integriert werden können. Wir werden in diesem Band diskutieren, daß diese "narrative", "sinnstiftende", psychotherapeutische Dimension im Umgang mit traumatisierten Patienten durch keine anderen "wissenschaftlichen" Befunde ersetzt werden kann. Allerdings ergeben sich zur wissenschaftlichen Reflexion solcher psychoanalytischen Beobachtungen faszinierende Parallelen zu Befunden neuerer neurowissenschaftlicher Forschungen zum Trauma. Es ist ein Anliegen dieses Buches, etwas zur wissenschaftlichen Brückenbildung zwischen den beiden Disziplinen beizutragen, indem wir ihre spezifischen Wissenskorpi und darauf basierende Konzeptualisierungen miteinander in Beziehung setzen und Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede klar herausarbeiten.

Zum Dialog zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaften

Eric Kandel (1999), der international führende Neurobiologe, Psychiater und Medizin-Nobelpreisträger des Jahres 2000, hat mit seinem Plädoyer für eine Intensivierung des Dialogs zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften großes internationales Aufsehen erregt. Der Austausch zwischen diesen beiden Disziplinen hat sich in den letzten Jahren so sehr intensiviert, daß im Freud-Jahr 2006 der Eindruck entstand, dieser Dialog bilde für die heutige Psychoanalyse das wichtigste Fenster zur Welt der aktuellen wissenschaftlichen Diskurse. Geht dadurch ein alter Traum von Sigmund Freud in Erfüllung?

Bekanntlich hatte Freud sein Leben lang gehofft, neuere Entwicklungen in den Neurowissenschaften könnten dazu beitragen, psychoanalytische Prozesse auch naturwissenschaftlich zu erforschen. In Kapitel 3 belegt der englische Neurologe und Psychoanalytiker Mark Solms (wie bereits in vielen seiner früheren historischen und theoretischen Beiträgen), daß sich Freud – angesichts des Standes der neurowissenschaftlichen Methoden seiner Zeit – von dieser Vision abwandte und die Psychoanalyse als ausschließlich psychologische Wissenschaft des Unbewußten definierte. Neuere Entwicklungen in den Neurowissenschaften, z.B. die Untersuchung des Gehirns am lebenden Menschen mithilfe von bildgebenden Verfahren, aber auch die von Solms und anderen psychoanalytischen Forschern beschriebene neuroanatomische Methode, haben den interdisziplinären Dialog zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften in den letzten Jahren befruchtet und intensiviert. 1999 erschien zum ersten Mal die internationale Zeitschrift Neuro-Psychoanalysis, in der namhafte Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker Themen wie Emotion und Affekt, Gedächtnis, Schlaf und Traum, Konflikt und Trauma sowie bewußte und unbewußte Problemlösungsprozesse detailliert und kontrovers diskutieren. 2000 wurde die internationale Gesellschaft Neuropsychoanalysis gegründet, die in regelmäßigen Kongressen ebenfalls den Austausch zwischen diesen beiden Wissenschaften pflegt. Zudem haben sich in verschiedenen Ländern psychoanalytische Forschungsgruppen gebildet, die Patienten nach lokalisierbaren Hirnverletzungen psychoanalytisch behandeln, einmal um diese bei der Verarbeitung ihrer Behinderungen (z.B. Neglects) therapeutisch zu unterstützen, aber auch um gemeinsam mit ihnen die Auswirkungen der hirnorganischen Schädigungen auf das seelische Funktionieren und Befinden klinisch sorgfältig zu untersuchen. Die mithilfe dieser neuroanatomischen Forschungsmethode gewonnenen Erkenntnisse werden dokumentiert, im internationalen Austausch zwischen den Expertengruppen miteinander verglichen und in der Zeitschrift Neuro-Psychoanalysis regelmäßig publiziert.

So scheinen zunehmend viele Forschergruppen weltweit zu realisieren, daß sich Neurowissenschaften und Psychoanalyse gut ergänzen könnten: Die Neurowissenschaften verfügen inzwischen zunehmend über objektivierende und exakte Methoden zur Prüfung anspruchsvoller Hypothesen über menschliches Verhalten, während die Psychoanalyse aufgrund ihrer reichen Erfahrung mit Patienten die notwendige Konkretion und das Anschauungsmaterial in Bezug auf menschliches Verhalten beizutragen und dadurch genaue Fragen an die Biowissenschaften zu stellen vermag. Um die vielschichtigen und komplexen Beobachtungen in der psychoanalytischen Situation zu konzeptualisieren, hat die Psychoanalyse differenzierte Erklärungsansätze entwickelt, die auch für Neurowissenschaftler von Interesse sein könnten. Daher stand die Kooperation und ein vertiefter Verständigungsversuch zwischen Neurowissenschaften und Psychoanalyse im Zentrum der Tagung, die im Februar 2006 im Hanse Wissenschaftskolleg Bremen stattfand, und über deren Ergebnisse wir hier berichten (s.a. Leuzinger-Bohleber 2007).

Bei der Konzeptualisierung der Tagung schien es uns sinnvoll, eine thematische Eingrenzung vorzunehmen, und zwar auf ein Feld, auf dem der Kenntnisstand beider beteiligten Disziplinen weit fortgeschritten ist und sich Konvergenzpunkte bereits abzeichnen. Wir entschieden uns für die interdisziplinäre Beleuchtung von "Psychotrauma" beziehungsweise der "Posttraumatischen Belastungsstörung". Die Autoren dieses Bandes verfügen über reiche Vorarbeiten zu dieser Thematik. So waren z.B. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sigmund-Freud-Instituts an einem sechsjährigen interdisziplinären Kolloquium "Psychoanalyse und Neurowissenschaften" beteiligt (1992-1998 gefördert von der Köhler Stiftung GmbH; vgl. die Ergebnisse des Kolloquiums in: Leuzinger-Bohleber et al. 1998; Koukkou u. Leuzinger-Bohleber 1998).
Im Rahmen des Gesprächkreises "Seele und Gehirn", der seit 1999 am Hanse-Wissenschaftskolleg stattfindet, erschien das Thema "Psychotrauma/Posttraumatische Belastungsstörung" hervorragend geeignet als Brücke zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften. Zwar hätte sich der interdisziplinäre Dialog auch an anderen psychischen Phänomenen – beispielsweise der Depression – entzünden können, doch besteht aus Perspektive der bildgebenden Verfahren der Vorteil des Fokus "Trauma" darin, daß Traumatisierungen stärkere neurobiologische Effekte zeigen als eine Depression und deshalb mit den bildgebenden Verfahren besser zu erforschen sind. Zudem bietet sich eine interdisziplinäre Betrachtung des Phänomens Psychotrauma an, weil sie wissenschaftlich interessant, angesichts des Entwicklungsstands der Theoriebildung und des empirischen Kenntnisstandes notwendig und in klinisch-praktischer Hinsicht hilfreich ist. Um psychische Traumata verstehen und adäquat behandeln zu können, braucht es das Wissen verschiedener Disziplinen sowie die Kooperation von deren Experten. Schließlich blickt sowohl die biologische als auch die psychoanalytische Interpretation des Psychotraumas auf eine reiche, mehr als hundertjährige Geschichte zurück.

Weiter ist zu erwähnen, daß professionelles, transdisziplinäres Wissen über Psychotrauma und seiner Behandlung eine hohe Relevanz und Aktualität hat. So zeigen verschiedene Studien und therapeutische Erfahrungen, daß eine rasche und fundierte Behandlung von akut traumatisierten Menschen in vielen Fällen eine Chronifizierung verhindern oder wenigstens abmildern kann (ein bekanntes Beispiel war die Arbeit mit den Überlebenden der Katastrophen von Eschede 1998 und vom 11. September 2001). Allerdings weisen psychoanalytische Erfahrungen mit schwer und wiederholt Traumatisierten darauf hin, daß rasche therapeutische Erfolge bei dieser Patientengruppe nicht zu erwarten sind. Oft kann aber ein Verstehen der bisher unbekannten Wurzeln aktueller Symptome (wie Flashbacks, Alpträume, Dissoziationen etc.) zu einer Integration der erlittenen Traumatisierungen in die eigene Biographie und damit zu einem Kontinuitätsgefühl zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft führen, was für die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen oft von unschätzbarem Wert ist (vgl. dazu u.a. Mancia, Bohleber, Gullestad; Fonagy, Sachsse und Roth in diesem Band; Leuzinger-Bohleber et al. 2002). Dieser Band möchte dazu beitragen, die Chancen und Grenzen neuerer, kürzerer Therapieverfahren bei Traumatisierten angesichts des aktuellen Wissensstandes in beiden Disziplinen kritisch zu diskutieren.

Posttraumatische Belastungsstörungen

International hat sich die Definition Posttraumatischer Belastungsstörungen nach dem DSM-IV eingebürgert. Sie bildet die Basis vieler interdisziplinärer Forschungsarbeiten, wobei zu beachten ist, daß diese Definition rein deskriptiver Natur ist und keine Aussagen darüber macht, welche psychischen und/oder neurobiologischen Mechanismen psychischen Traumatisierungen zugrunde liegen.

Im Sinne des DSM-IV ist die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) "die Entwicklung charakteristischer Symptome nach der Konfrontation mit einem extrem traumatischen Ereignis".

Ein solches Ereignis umfaßt "das direkte persönliche Erleben einer Situation, die mit dem Tod oder der Androhung des Todes, einer schweren Verletzung oder der Bedrohung der persönlichen Unversehrtheit einer anderen Person zu tun hat oder das Miterleben eines unerwarteten oder gewaltsamen Todes, schweren Leids oder Androhung des Todes oder Verletzung eines Familienmitgliedes oder einer nahestehenden Person" (APA 1998, S. 487).

Im Sinne der WHO ist eine PTBS "ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde" (WHO 2000, S. 211).

Ein solches Ereignis wirkt von außen als massiver Stressor auf das Subjekt ein und verändert dessen teils genetisch angelegte, teils durch vorgeburtliche und frühkindliche Bindung geprägte, teils durch Außenerfahrungen gebildete Strukturanteile. Diese Einwirkung wird vom Gehirn als Gefahr identifiziert und führt innerhalb sehr kurzer Zeit zu einer somatischen Streßreaktion, die von heftigen psychischen Reaktionen begleitet ist.

Als Symptome einer PTBS zählt das DSM IV u.a. auf: intensive Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen, das anhaltende Wiedererleben des traumatischen Ereignisses, die Vermeidung von Trauma-assoziierten Reizen sowie ein anhaltend erhöhter Erregungszustand. Auslöser für traumatisierende Situationen sind beispielsweise Kriege, Naturkatastrophen, schwere Unfälle, aber auch bewußt durch andere Menschen verursachte Schädigungen wie Folter oder Vergewaltigung (APA 1998, S. 487).

Wichtig ist, daß nicht alle Menschen in analoger Weise auf solche Extremerfahrungen reagieren. Fischer und Riedesser (2006, S. 104) stellen nach einer Reihe eigener Untersuchungen fest, daß "nur" etwa ein Viertel bis ein Drittel der Personen nach Ereignissen bzw. Lebensumständen von mittelschwerem bis hohem Belastungsgrad eine psychotraumatische Belastungsstörung entwickeln. Daher hat sich die Resilienzforschung in den letzten Jahren vermehrt mit der Frage auseinandergesetzt, welche Faktoren bei Menschen dazu führen, keine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln und sich "erstaunlich normal" zu verhalten. Hauser, Allen und Golden (2006) haben aufgrund einer detaillierten Nachuntersuchung von gewalttätigen, schwer traumatisierten Kindern und Jugendlichen nach einem psychiatrischen Aufenthalt postuliert, daß die Einsicht in den eigenen Anteil der schweren Entwicklungskrise sowie minimal unterstützende Bedingungen (mindestens eine vertrauensvolle Objektbeziehung in der frühen Kindheit) die Resilienz dieser Kinder positiv beeinflußte. Egle, Hoffmann und Joraschky (1997) faßten die Ergebnisse vieler internationaler Studien zu einem weiteren Gebiet schwerer Traumatisierung, dem sexuellen Mißbrauch, zusammen. Danach entwickeln zwischen 19-49% der sexuell mißbrauchten Kinder zuerst einmal keine psychopathologischen Symptome. Gute Objektbeziehungserfahrungen, sichere Grenzen zwischen den Generationen sowie eine altersgemäße Aufklärung erwiesen sich dabei als wichtige Schutzfaktoren. Allerdings ist aus psychoanalytischer Sicht, wie auch der Behandlungsbericht von Siri Gullestadt in diesem Band heraushebt (s. Kap. 5), Vorsicht geboten: Klinische Erfahrungen mit Erwachsenen und Kindern nach sexuellem Mißbrauch zeigen, daß für die meisten Betroffenen diese Erfahrungen durchaus einen traumatisierenden Effekt hatten, besonders falls der Mißbrauch durch nahe Familienangehörige vollzogen wurde. Oft finden sich bei Opfern sexueller Gewalt keine auf Anhieb erkennbaren Symptome, sie verlieren aber das Basisvertrauen in schützende, gute innere Objekte. Viele von ihnen entwickeln Jahre nach dem stattgefundenen Mißbrauch schwere Ängste und Konflikte besonders in ihren Intimbeziehungen.

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Emotionen und Gedächtnis

Ein Jahrhundert nach Charles Darwin (1872/1965) hat Joseph LeDoux (1996) die Emotionen und ihren Einfluß auf die Organisation von Gedächtnisprozessen erforscht. Er unterscheidet zwei Gedächtnissysteme: das implizite oder nicht-deklarative und das explizite oder deklarative Gedächtnis. Das implizite Gedächtnis bedient sich verschiedener Hirnstrukturen unter der Kontrolle der Amygdala und ist unbewußt, während das explizite, als bewußt definiertes Gedächtnis durch den Temporallappen vermittelt wird, wobei dem Hippocampus eine zentrale Stellung zukommt. Der Hippocampus selektiert und kodiert die Information, die aus den "transitorischen" limbischen Kortizes stammt. Diese erhalten Input von bestimmten kortikalen Feldern, deren Rolle im Anschluß darin besteht, diese Information über thalamische Kerne in den über das Gehirn verteilten Assoziationskortizes zu speichern.

Das implizite Gedächtnis ist seinem Wesen nach emotional. Gesteuert wird es durch die Amygdala sowie durch die mit ihr verbundenen Regionen, darunter der Hypothalamus, der Hirnstamm, die Basalkerne, das Kleinhirn und Bereiche der Assoziationskortizes vor allem in der rechten Hirnhemisphäre, die als die emotionale Hemisphäre par excellence gilt (Gainotti 2006).

Schon im Jahre 1985 stellten Jacobs und Nadel (1985) fest, daß frühe Traumata – selbst solche, die nicht erinnert werden – lang anhaltende Auswirkungen auf die geistige Entwicklung haben und daß die Amygdala früher heranreift als der Hippocampus (Joseph 1996; Siegel 1999). Das bedeutet zugleich, daß das implizite Gedächtnis früher reift als das explizite. Der unterschiedliche Entwicklungsprozeß der beiden Gedächtnissysteme hat enorme Implikationen für die Entwicklung des kindlichen Geistes sowie für den Prozeß, der zur Organisation des Unbewußten führt, wie weiter unten erläutert werden wird.

Eine emotionale Erfahrung kann auf zahlreichen Wegen ins Gedächtnis aufgenommen werden: Sie kann die Amygdala direkt über Nervenfasern erreichen oder indirekt durch die Freisetzung von Adrenalin, das die Sekretion von Noradrenalin über den Locus coeruleus fördert. Da dieser Neurotransmitter die Amygdala als auch den Hippocampus erreicht, werden beide Zentralstrukturen des Gedächtnisses gleichzeitig aktiviert, was wiederum die Lern- und Gedächtnisvorgänge durch den emotionalen Stimulus erleichtert. Dieser Prozeß spielt auch eine Rolle bei der Erinnerung, wenn auch natürlich nur im Kontext des expliziten Gedächtnisses.

Ein frühes Trauma kann die beiden Gedächtnissysteme auf unterschiedliche Weise beeinflussen. So können bei Säugetieren konditionierte Reaktionen auf furchterregende Ereignisse, die eigentlich ausgelöscht waren, erneut auftreten. Dieser experimentelle Befund ist für die Psychoanalyse von besonderem Interesse, weil er folgende Überlegung gestattet: Bestimmte aus der Vergangenheit stammende traumatische Erfahrungen können in der analytischen Übertragung wiederbelebt werden, weil sie – obschon scheinbar ausgelöscht und demnach nicht bewußt abrufbar – im impliziten Gedächtnis gespeichert sind. Diese traumatischen Erfahrungen waren demnach nicht aus dem Gedächtnis getilgt, sondern nehmen vielmehr für den Rest des Lebens unablässig Einfluß auf die emotionalen und kognitiven Leistungen der betroffenen Person.

LeDoux (1996) stellte die Hypothese auf daß die Amygdala sich als Folge eines emotionalen Traumas umstrukturiert und ein konditioniertes Netzwerk bildet, dessen neuronale Plastizität sich der Auslöschung des Traumas widersetzt. Hervorgehoben werden muß, daß der zerebrale Kortex, der die neuronale Plastizität der Amygdala moduliert, zusammen mit dem limbischen Kern eine homöostatische, selbstregulative Funktion übernimmt (LeDoux 2000). Auch diese Tatsache ist von psychoanalytischem Interesse, weil sie zur Hypothese führt, daß die während des analytischen Prozesses im Gehirn erzeugten Gedanken über ihre Auswirkungen auf die Neuronen der Amygdala auch Emotionen verändern können.

In diesem Zusammenhang ist auch Damasios Überlegung (2000, 2003) von Interesse: Eine Emotion ist ein mentaler Prozeß, der auf den in den somatosensorischen Kortizes angesiedelten Körperkarten beruht (das gilt vor allem für die rechte Hirnhemisphäre). Diese Hirnareale verteilen emotionale Engramme in andere Bereiche des Gehirns, insbesondere in den anterioren Teil des zingulären Kortex und die Insula.

Bekanntermaßen löst das Beobachten von Gesichtsausdrücken zahlreiche Emotionen aus. Leonard et al. (1985) haben die Entdeckung gemacht, daß bei Affen die Neuronen in der Amygdala selektiv auf Gesichter ansprechen. Schaltkreise der Amygdala sind außerdem bei Prozessen aktiv, die mit Aufmerksamkeit und mit dem Aufbau von Repräsentationen verbunden sind. Sergerie und Armony (2006) meinen, der orbitofrontale Kortex sei Teil eines Verbindungssystems beziehungsweise ein Interface, welches das Bedrohungen signalisierende System (die Amygdala) mit dem Aufmerksamkeitssystem (dem orbitofrontalen Kortex) verknüpft.

Es hat ganz den Anschein, als ob beim Menschen innerhalb der rechten Hemisphäre der somatosensorische Kortex zusammen mit der Amygdala und dem visuellen Kortex bei der Reaktion auf durch Emotionen induzierte Gesichtsausdrücke höchst aktiv seien (Adolphs u. Damasio 2000; Iacoboni et al. 1999). Dies erklärt, weshalb Läsionen im rechten somatosensorischen Kortex Anosognosie hervorrufen können sowie eine, von emotionaler Verflachung begleitete, gestörte Wahrnehmung eigener körperlicher Zustände.

Jaak Panksepp (2001) hat gezeigt, welch massiven Einfluß frühe traumatische emotionale Erfahrungen auf die Hirnentwicklung und die Persönlichkeit des Kindes ausüben können. Sie fördern nämlich die Sekretion bestimmter Neurotransmitter wie Glutamat, das bei der Modulation der Plastizität des zentralen Nervensystems von großer Bedeutung ist. Daraus erklärt sich, weshalb frühe Traumata in der Mutter-Kind-Beziehung die Ausschüttung von Wachstumsfaktoren, Oxytozin und Kortikotropin-Releasing Faktor (CRF) modifizieren. Letzterer spricht besonders sensitiv auf die traumatische Trennung des Neugeborenen von seiner Mutter an.

Der menschliche Hirnstamm, der auf lebenswichtige vegetative und motorische Funktionen reagiert, ist bereits bei der Geburt voll funktionsfähig (Joseph 1996). Genauso früh reift das aus Hypothalamus, Amygdala (diese sogar noch vor dem Hippocampus), Septum, Cingulum und Hippocampus bestehende limbische System, das Hunger und Durst reguliert und verantwortlich ist für die Rezeption und Expression von Gefühlen wie Ärger, Furcht und Freude sowie für den Wunsch nach emotionalen Sozialkontakten. Frühe Erfahrungen mit der Umwelt beeinflussen diese spezifischen neuronalen Netzwerke und damit deren Fähigkeit, Verhaltensweisen zu wählen und zu kontrollieren. Aus diesem Grund haben frühe soziale, emotionale und Umwelteinflüsse starke Auswirkungen auf die Hirnorganisation und auf intellektuelle, soziale und emotionale Entwicklungsaspekte (Panksepp 2001).

Die Bedeutung dieser Beobachtungen für die Psychologie und die Psychoanalyse wird sofort klar, wenn man bedenkt, wie viele körperliche und soziale Stimuli im emotionalen und sensorischem Kontakt zur Mutter das Neugeborene für seine Entwicklung braucht. Dessen limbisches System, das das emotionale und soziale Verhalten in allen Facetten fördert und kontrolliert, wird wiederum durch die Amygdala beherrscht. Diese leitet den multimodalen sensorischen Input in verschiedene zentralnervöse Strukturen (insbesondere in den rechten Assoziationskortex) weiter, um auf diese Weise die emotionalen Gedächtnisinhalte zu konsolidieren (Packard u. Teather 1998).
Emotionen beeinflussen auch das explizite Gedächtnis, wobei die Amygdala in der Modulation dieses vom Hippocampus abhängigen Gedächtnissystems eine wichtige Rolle spielt. Dieser Vorgang wird durch neuronale Botenstoffe gesteuert, deren Sekretion durch ein Trauma ausgelöst wird. Sie aktivieren adrenerge Rezeptoren des basolateralen Teils der Amygdala, der seinerseits Einfluß auf die Konsolidierung des Hippocampus nimmt (Phelps 2004). In Hinblick auf die unterschiedlich starken Funktionen der beiden Mandelkerne wurde gezeigt, daß beim Mann die rechte Amygdala stärker an der Gedächtnisbildung beteiligt ist, bei der Frau aber die linke. Diese ist auch dann stärker aktiviert, wenn es um die Erinnerung von verbalen Erfahrungen geht, die rechte Amygdala beim Erinnern von visuellen Eindrücken. Bildgebende Untersuchungen lassen darüber hinaus vermuten, daß bei der Konsolidierung von hochbedeutsamen emotionalen Ereignissen die Beziehung zwischen Amygdala und Hippocampus in beide Richtungen verlaufen kann (Phelps 2004).

Des Weiteren konnte bei Säugetieren nachgewiesen werden, daß traumatische Erfahrungen den Kortikosteroidspiegel erhöhen. Das führt bei den Dendriten der CA3-Pyramidenzellen zur Atrophie, hemmt die Neurogenese im Gyrus dentatus und stört die Aufnahme von Gedächtnisinhalten in das vom Hippocampus abhängige explizite Gedächtnis (McEwen u. Sapolsky 1995; Phelps 2004). Ein bei neugeborenen Säugern durch Deprivation oder durch tägliche dreistündige Trennung von der Mutter ausgelöstes Trauma vermindert beim adulten Tier die Produktion neuer Körnerzellen. Dies geschieht mittels eines von Kortikosteroiden abhängigen Mechanismus (Karten et al. 2005). Ein derartiges frühkindliches Trauma hemmt auf Dauer Lernprozesse und vom Hippocampus gesteuerte Gedächtnisprozesse gleichermaßen und verstärkt beim adulten Tier durch die Hemmung der Neurogenese im Hippocampus die schon bestehenden Rückzugstendenzen. Interessant sind diese Befunde für die Entwicklungspsychologie und die Psychoanalyse, weil damit viele Aspekte psychischer Erkrankungen auf postnatale Störungen und Traumata zurückgeführt werden können.

Was das Problem der Wiederherstellung früher Erfahrungen betrifft, die in den beiden Gedächtnissystemen abgespeichert sind, so muß nachdrücklich betont werden, daß die Amygdala an der Erinnerung emotionaler Erfahrungen nicht beteiligt ist. Diese Aufgabe übernimmt ausschließlich der Hippocampus. Die Amygdala erleichtert zwar den Abruf von durch den Hippocampus gespeicherten Inhalten des expliziten Gedächtnisses, nicht aber von Inhalten des impliziten Gedächtnisses.

Das Gedächtnis und das Unbewußte

Die Entdeckung der beiden Gedächtnissysteme (Mancia 2000; Schacter 1996; Semenza 2001; Squire 1994; Warrington u. Weiskrantz 1974), des expliziten oder deklarativen Gedächtnisses (welches bewußt, verbalisier- und abrufbar ist und die Basis unserer Identität und autobiographischen Erinnerung bildet) und des impliziten Gedächtnisses (welches unbewußt und weder verbalisier- noch abrufbar ist) eröffnet enorme Aussichten für die psychoanalytische Theoriebildung und die klinische Praxis. Nur das implizite Gedächtnis entwickelt sich früh und ist sogar schon in den letzten Schwangerschaftswochen präsent und aktiv. Es ist das einzige Gedächtnissystem, über das das Neugeborene in seinen beiden ersten Lebensjahren verfügt. Dank des prozeduralen und emotiv-affektiven Charakters des impliziten Gedächtnisses kann das Kind seine ersten Erfahrungen, d.h. die mütterliche Stimme und das Umfeld, in dem es aufwächst, speichern. Darüber hinaus vermitteln die körperliche Beziehung der Mutter zum Neugeborenen, ihr Sprechen mit dem Kind, ihre Blicke und ihre Berührungen, ihre so genannte Reverie, dem Baby Gefühle und Emotionen, die nur in seinem impliziten Gedächtnis abgelegt werden (Mancia 2003, 2006b u. c).

Im Anschluß an eine Überlegung Sigmund Freuds, daß jedes im Gedächtnis fixierte Ereignis das Unbewußte strukturiere, läßt sich eine Verbindung zwischen dem impliziten Gedächtnis und den unbewußten Funktionen des Geistes im frühen Entwicklungsstadium vorhersagen. Dieses frühe Unbewußte kann nicht das Ergebnis von Verdrängung im psychoanalytischen Sinne sein, weil die Strukturen des expliziten Gedächtnisses (und hier vor allem der Hippocampus), ohne die der Verdrängungsmechanismus nicht funktioniert, nicht vor Ende des zweiten Lebensjahrs ausgereift sind (Siegel 1999). Deshalb sind die im impliziten Gedächtnis gespeicherten präsymbolischen und präverbalen Erfahrungen – auch die traumatischer Art – selbst dann nicht verloren, wenn sie nicht erinnert werden können. Sie bilden die Säulen eines frühen, nicht durch Widerstände entstandenen Unbewußten, das von da an das affektive, emotionale und kognitive Leben eines Menschen – auch sein ganzes Erwachsenenalter hindurch – bestimmen wird (Mancia 2003, 2006a, 2006b, 2006c).

Heute ist es möglich geworden, diese neue Dimension unbewußter Funktionen des Geistes mit klinischen Merkmalen in Verbindung zu bringen. Sie erlaubt es uns, den Patienten sorgfältig zu untersuchen und den Umgang mit ihm zu optimieren, um auf diese Weise das nicht durch Widerstände entstandene Unbewußte auch ohne bewußtes Rückerinnern hervorzulocken. Dies geschieht durch ein besonderes Augenmerk auf die "musikalische Dimension" der Übertragung aus der vorsprachlichen Kommunikation (Mancia 2003, 2006a, 2006b). Wie eine metaphorische Brücke verknüpft diese Übertragungsdimension die in der analytischen Zweierbeziehung mittels Stimme und Sprache hervorgebrachten Emotionen mit jenen Gefühlen, die einstmals in der Primärbeziehung durch die Stimme und Sprache der Mutter vermittelt worden waren. Dieser "formale" Aspekt der Übertragung bringt diejenigen Affekte an die Oberfläche, die sich allein auf narrativem Wege nicht kommunizieren lassen. Wenn sich der Patient besonders auf die rekonstruktive und symbolische Seite der Traumarbeit konzentriert, wird es ihm möglich, präsymbolische und vorsprachliche Erfahrungen erneut zu durchleben, indem sie für ihn vorstellbar und verbalisierbar werden.

Die neurobiologischen Untersuchungen zum Gedächtnis geben dem theoretisch wie auch praktisch arbeitenden Analytiker daher wertvolle Instrumente an die Hand, um die am tiefsten verborgenen und ältesten Teile der Patientenpersönlichkeit zu erreichen, die vergessenen Inhalte seines Unbewußten. Ständig in der Person aktiv, lassen sie sich in der analytischen Beziehung wieder aufdecken. Um sie zu analysieren, müssen wir das von Freud nur für das verdrängte psychische Material vorgeschlagene Konzept der Nachträglichkeit erweitern und darin auch die nicht-verdrängten Erfahrungen (insbesondere die traumatischen Erfahrungen) aufnehmen, die zu Beginn des Lebens gemacht werden.

Angesichts der Bedeutung des Gedächtnisses für die unbewußten Funktionen des Geistes muß an diesem Punkt auf die Beiträge von Leuzinger-Bohleber und Pfeifer (2006) verwiesen werden, die das (explizite) Gedächtnis nicht als ein statisches Archiv ansehen, sondern, in Anlehnung an Gerald M. Edelmans Modell der neuronalen Gruppenselektion (Edelman 1987), als eine dynamische, interaktive Funktion, die einer ständigen "Rekategorisierung" unterliegt. Diese Hypothese läßt sich auch auf das implizite Gedächtnis übertragen, das – stimuliert durch die Übertragung und eingebunden in dynamische Interaktionen mit dem expliziten Gedächtnis – während des psychoanalytischen Prozesses "rekategorisiert" werden kann. Eine solche Rekategorisierung kann dank der durch konstruktiver und rekonstruktiver Übertragungsarbeit sowie Trauminterpretation gewonnenen Einsicht und Bewußtwerdung beim Patienten die Basis für Veränderungen bilden.

Erfahrungen des Ungeborenen und des Neugeborenen

Das Interesse an den ersten Erfahrungen eines Menschenkindes hat die Erforschung der Anfänge der geistigen Ontogenese vorangebracht und zu Untersuchungen über das psychische Leben des Fötus geführt (Rascovski 1977). Eine ganze Reihe von Publikationen widmen sich verschiedenen physiologischen Aspekten beim Fötus: sensomotorische Aktivitäten, das Verhalten generell und integrative Funktionen, vor allem solche, die auf die unterschiedlichen Zustände von Wachheit und Schlaf bezogen sind (Mancia 1981). In ihrer Arbeit über frühe Verhaltensweisen von Föten in der zehnten bis zwanzigsten Schwangerschaftswoche zeigt Alessandra Piontelli (2006), daß Gruppen von Bewegungen (generalisierte Bewegungen und solche respiratorischer Art) in abwechselnd aufeinander folgenden Clustern organisiert sind. Weil die neuronalen Strukturen der Brücke (Pons) sich am frühesten ausbilden (Joseph 1996; Siegel 1999), können sie – neben synaptogenetischen Funktionen – die Kontrolle über auf- und absteigende motorische Bahnen übernehmen. Daß die motorischen Cluster abwechselnd aufeinander folgen, stützt die Hypothese, daß die frühe Ausreifung inhibitorischer interneuronaler Schaltkreise im Hirnstamm als eine Art Schalter wirkt, der die motorische und respiratorische Organisation reguliert. Diese Aktivität der Brücke in einem Frühstadium der Ontogenese ist für die Psychoanalyse insofern wichtig, als sie die Basis für die frühe Ausbildung des aktiven Schlafverhaltens beim Fötus bildet, das – zumindest in einigen Aspekten – dem REM-Schlaf des erwachsenen Gehirns analog ist (Mancia 1981).

Die Lernfähigkeit des Neugeborenen, welche auf den Emotionen und Gefühlen der ersten sozialen Beziehungen basiert, ist bereits bei Geburt stark ausgeprägt. Schon während der Schwangerschaft spürt der Fötus einige biologische Rhythmen seiner Mutter, wie z.B. Herzschlag und Atemfrequenz. Darüber hinaus hört das Ungeborene die mütterliche Stimme, deren Klang ihm bestimmte emotionale Stimmungen vermittelt (Kolata 1984). Diese Erfahrungen können sich im Gedächtnis einprägen (De Casper u. Fifer 1980). Auf dieser Basis beginnt der Fötus, seine Beziehung zur Mutter aufzubauen, die sich nach der Geburt parallel zur Ausbildung seines Sprachvermögens weiterentwickelt. Die Mutter kann mit ihrer Stimme den Herzschlag und die Saugrate des Neugeborenen beeinflussen (Mehler u. Bertoncini 1978). Weil das Kind auf das Sprechen der Mutter und auf seine unmittelbare Umgebung sehr sensibel reagiert, lernt es schon früh die Prosodie seiner Muttersprache und produziert ab dem sechsten Lebensmonat Tonfolgen, die den Vokalen und Konsonanten der Muttersprache ähneln.

Laut Sakai (2005) entwickelt sich die Wahrnehmung der Muttersprache und ihrer grammatischen Struktur während der ersten Lebensmonate. Dabei konsolidieren sich die auditorisch-phonologischen Sprachelemente zuerst und später die lexikalisch-semantischen. Bei ersteren ist der superio-posteriore Schläfenlappen beteiligt (Brodmanns Area 22) und bei den zweiten die temporo-parietalen Regionen der linken Hirnhemisphäre (Gyrus angularis und Gyrus supramarginalis, d.h. Brodmanns Areae 39 und 40). Grammatische und syntaktische Prozesse spielen bei der schrittweisen Integration lexikalisch-semantischer Information eine entscheidende Rolle und sind in dem inferioren frontalen Gyrus der linken Hemisphäre angesiedelt, die Areae 44 und 45 und die fronto-lateralen prämotorischen Felder (Areae 6, 8 und 9) eingeschlossen. Diese Hirnbereiche bilden das so genannte "grammatische Zentrum" der Sprache (Sakai 2005), das, in Übereinstimmung mit der von Noam Chomsky (2002) postulierten universellen Natur grammatischer Prozesse, bei jeder Sprache aktiviert wird, die das Baby wahrnimmt. Doch muß daran erinnert werden, daß das Baby auf das Sprechen Erwachsener (Heterosynchronie) wie auch auf sein eigenes Lallen (Autosynchronie) mit einer generalisierten motorischen Aktivität reagiert (Condon u. Sander 1974). Demnach sind am Anfang der Sprachentwicklung sämtliche sensorisch-motorischen Hirnfelder beteiligt. Erst danach bilden sich die einzelnen grammatischen, syntaktischen und semantischen Sprachzentren in der linken Hemisphäre.

Abgesehen von Stimme und Sprache hat auch der visuelle Kontakt zwischen Mutter und Kind eine außerordentlich große Bedeutung für deren Beziehung. Schon im ersten Lebensjahr lernt das Kind, daß die Blicke anderer bedeutsame Informationen enthalten (Farroni u. Gergely 2002). Diese Informationen sind im Wesentlichen affektiver Natur und lösen im Baby intensive Emotionen aus. Ein weiteres Element der Mutter-Kind-Beziehung ist der Körper. Die Art und Weise, wie eine Mutter ihr Baby hält, es berührt, es anschaut und zu ihm spricht sowie die Intensität ihrer Reverie sind für die Beziehung wichtig, weil die hier transportierten Gefühle und Emotionen im impliziten Gedächtnis des Kindes abspeichert werden. Da diese Gedächtnisspeicher die Persönlichkeit eines Menschen für den Rest seines Lebens kennzeichnen, trifft die aus der Genetik übernommene Metapher: psychologische DNA.

Unser psychophysiologisches und neuropsychologisches Wissen über das, was in Verbindung mit der Organisation bewußter und unbewußter geistiger Prozesse beim Stillen passiert, wurde durch die wichtigen Beiträge der Arbeitsgruppe von Johannes Lehtonen erweitert (Lehtonen 2006). Das in der ersten Lebensphase körperbetonte Interaktionspiel zwischen Mutter und Kind erreicht seinen Höhepunkt beim Stillen, da der intensive Austausch beim Saugen und dem Haut-zu-Haut-Kontakt die vitalen instinktiven Bedürfnisse des Babys befriedigt. Auf dieser körperlichen Interaktionsebene entsteht eine primitive, matrixartige Struktur: das "Körper- Ich".

Das psychoanalytische Interesse an dieser Vielzahl komplexer Vorgänge vor und unmittelbar nach der Geburt verstärkt sich noch durch die Tatsache, daß sich der menschliche Geist sehr früh ausbildet und daß unterschiedliche Traumata, die ein Fötus erleiden kann, die Entwicklung seines Gehirns beeinflussen und damit auch seine lebensgeschichtlich frühen bewußten und unbewußten mentalen Funktionen. Diese strukturieren die Art und Weise, in der das Neugeborene mit seiner Mutter und der Umwelt, in die es hineingeboren wird, interagiert. All das ist für die Theorie und Praxis der Psychoanalyse von enormer Bedeutung (Bergeret et al. 2006). Die Gefühle und Emotionen (auch traumatischer Art), die dem Fötus und dem Neugeborenen durch die Stimme der Mutter vermittelt werden, wie auch die Aufmerksamkeit und Fürsorge, die seinem Körper zuteil werden, treten im Übertragungsprozeß wieder in Erscheinung und sind symbolisch in den Träumen unserer Patienten verschlüsselt.

Träume

Bekanntlich befaßte sich die Psychoanalyse früher als jede andere wissenschaftliche Disziplin mit unseren Träumen (Freud 1900). Mit der Entdeckung des REM-Schlafs öffnete sich das Tor zu den Träumen auch für die Neurowissenschaften. Die neurophysiologische Forschung konzentriert sich insbesondere auf die Identifikation der Schlafmechanismen und der beteiligten Hirnstrukturen, auf die einzelnen Schlafphasen sowie auf die sie charakterisierenden neurophysiologischen Eigenschaften. Die Psychophysiologie hat sich den mentalen Zuständen zugewandt, die während der verschiedenen Schlafphasen auftreten. Hier hat die Forschung zur Formulierung eines dichotomen Schlafmodells geführt – REM- und Non-REM-Schlaf –, bei dem die Eigenschaft eines "biologischen Rahmens", in dem Träume auftreten können, nur dem REM-Schlaf zugeschrieben wurde (Mancia 2006b). Aufgrund dessen haben einige Autoren (Hobson et al. 2003) dem Traum jede psychologische Bedeutung abgesprochen und ihn in die Sphäre der Biologie verwiesen. Weitere psychophysiologische Untersuchungen (Bosinelli u. Cicogna 1984; Foulkes 1985) machten jedoch deutlich, daß eine traumartige, mit Halluzinationen, Emotionen und Selbstrepräsentationen verbundene Form mentaler Aktivität in allen Schlafstadien auftreten kann, von der Einschlafphase bis zum Aufwachen. Auf der Grundlage dieser Forschungsergebnisse haben Bosinelli und Cicogna (1984) die Hypothese aufgestellt, während des Schlafs werde ein einheitlicher Traumgenerator aktiviert, und zwar ziemlich unabhängig von der jeweiligen Schlafphase. Da aus Sicht einiger Autoren (Nielsen 2003) Träume in der REM-Phase sich aber qualitativ von Träumen in der Non-REM-Phase unterscheiden, wurde auch ein den beiden Phasen entsprechender doppelter Traumgenerator postuliert. Welches der beiden Modelle zutrifft, ist bisher nicht geklärt.

Studien mithilfe bildgebender Verfahren (Maquet et al. 1996; Solms 2003) vermuten eine Dissoziation zwischen dem Traum und den Schlafstadien. Außerdem haben sie gezeigt, daß das dopaminerge Netzwerk im Gehirn Traumvorgänge organisiert, woran eine Vielzahl von Hirnstrukturen beteiligt ist, vor allem Regionen im linken und rechten Schläfenlappen, einige fronto-ventrale Felder, die okzipitotemporale Region sowie Teile des limbischen Systems. Demnach wird das dopaminerge Netzwerk durch diejenigen fronto-ventralen Regionen aktiviert, welche motivationale Prozesse steuern. Bischof und Bassetti (2004) haben jedoch demonstriert, daß Läsionen der afferenten Fasern im parieto-okzipitalen Kortex (insbesondere in der rechten Hirnhemisphäre) zum Verschwinden der Träume führen, obwohl die Schlafarchitektur als solche völlig normal geblieben ist (Bassetti et al. 2006; Bischof u. Bassetti 2004). Diese Beobachtungen erlauben folgenden Schluß: Das Verschwinden des Träumens nach solchen Läsionen im zentralen Nervensystem, die den dopaminergen Schaltkreis unterbrechen, können einem Diskonnektionssyndrom zugeschrieben werden (Geschwind 1965).

Diese differenzierten neurowissenschaftlichen Herangehensweisen an den Traumvorgang erzählen uns offenkundig nichts über die Bedeutung von Träumen oder ihre Rolle in der Ökonomie des Geistes. Die Psychoanalyse ist die einzige Disziplin, die sich deshalb für Träume interessiert, weil diese Äußerungen des Unbewußten enthüllen und weil mit dieser Funktion präsymbolische Erfahrungen in Symbole transformiert werden können. Durch Träume erzeugte erinnerungslose Bilder treten an die Stelle der frühen Nicht-Repräsentationen, die aus dem nicht durch Verdrängung entstandenen Unbewußten stammen. Darüber hinaus kann der Traum die während der Kindheit (ab dem dritten Lebensjahr) verdrängten Erfahrungen ans Licht bringen wie auch jene Erfahrungen, die im Laufe des Lebens im expliziten Gedächtnis abgespeichert worden sind (Mancia 2006d).

Das Träumen hat daher auch die ihm ursprünglich von Freud zugeschriebene Funktion, verdrängtes Material an die Oberfläche zu befördern, ein Vorgang, den man Aufhebung der Verdrängung nennen könnte. In dieser Hinsicht außerordentlich interessant finde ich die von Anderson und Mitarbeitern (Anderson u. Ochsner 2004) beschriebenen Erfahrungen mit bewußter Verdrängung. Diese aktiviert Bereiche im dorsolateralen Stirnhirn und deaktiviert den Hippocampus bilateral – also das exakte Gegenteil dessen, was während des Träumens in der REM-Phase geschieht, wo es zu einer bilateralen Aktivierung des Hippocampus kommt und zu einer Deaktivierung des dorsolateralen Stirnhirns (Maquet et al. 1996). Die Erfahrung einer bewußten Verdrängung bestätigt demnach auf neuropsychologischer Ebene die Funktion des Traumes als Aufhebung von Verdrängung.

Neurowissenschaftliche Daten über die Traumaktivität des Gehirns leisten einen Beitrag zum heutigen psychoanalytischen Denken, insbesondere zu der Vorstellung von einem Kontinuum zwischen unbewußten Phantasien im Wachzustand und den (Traum-)Phantasien während des Schlafs. Diese faszinierende Idee, die wir Bion (1962) und Meltzer (1984) verdanken, hebt die unersetzliche Bedeutung unbewußter Phantasien des Geistes im Wach- und Schlafzustand hervor. Jedoch gibt es zwischen diesen beiden geistigen Zuständen Unterschiede in den neurofunktionellen Prozessen, die in der heutigen neurowissenschaftlichen Forschung allmählich aufgeklärt werden. Lehmann und Koukkou (2006) stellen beispielsweise fest, daß die Informationsverarbeitung im Gehirn im Ganzen gesehen von seinem funktionellen Zustand in einem bestimmten Augenblick abhängt. Ein solcher funktioneller Zustand kontrolliert die Verarbeitungsstrategien, die ihrerseits den kognitiv-emotionalen Inhalt des Gedächtnisses, die Speicherungsprozesse sowie das festlegen, was der Einzelne von seinen Träumen erinnern kann beziehungsweise vergißt.

Massimini und seine Mitarbeiter (2005) haben gezeigt, daß sich die Reizung eines bestimmten kortikalen Feldes zwischen den Hemisphären und innerhalb des Kortex in unterschiedlicher Weise ausbreitet, und zwar je nachdem, ob sich die Versuchsperson im Wachzustand befindet oder in einer synchronen Schlafphase. Es gibt eine eindeutige Verwandtschaft zwischen diesen unterschiedlichen funktionellen Zuständen des zerebralen Kortex. Im Wachzustand breitet sich die Aktivierung eines umschriebenen kortikalen Feldes über zahlreiche Felder der ipsilateralen und der kontralateralen Hemisphäre aus, während im Schlafzustand (in dem ja die Träume auftreten) die Ausbreitung einer solchen Aktivierung gehemmt wird und der Reiz auf den stimulierten Bereich beschränkt bleibt. Dies belegt Unterschiede in den Verarbeitungsprozessen im Kortex und akzentuiert die Differenzen zwischen den beiden Bewußtseinszuständen und wahrscheinlich auch zwischen den Inhalten der emotionalen und kognitiven Vorgänge, die die mentalen Zustände während des Schlafs (Traum) und des Wachseins (unbewußte Phantasien) charakterisieren.

Empathie, verkörperte Simulation und das Teilen von Gefühlen

Neurophysiologische und neuropsychologische Untersuchungen geben Aufschluß über eine Vielzahl von Phänomenen, über Empathie, verkörperte Simulation, Nachahmung, Intentionalität und das Teilhaben an den affektiven und emotionalen Zuständen anderer Menschen – Themen, die auch für die Psychoanalyse von hoher Wichtigkeit sind. Vor allem die Empathie war in den letzten Jahren Gegenstand zahlreicher experimenteller und klinischer Studien (Bolognini 2002). Singer und Mitarbeiter (2004) haben in Experimenten herausgestellt, daß die mit der Schmerzverarbeitung befaßten affektiven Hirnregionen (das anteriore Cingulum und die Insula) nicht nur bei Versuchspersonen mit appliziertem physischen Schmerzreiz aktiviert sind, sondern auch bei den Beobachtern, die den Versuchspersonen emotional verbunden sind. Das Leiden der Versuchsperson erreichte den Beobachter dabei nur durch einen Spiegel und demnach nur auf nonverbalem Weg, durch den Gesichtsausdruck und die Körpersprache der Versuchsperson.

Osaka (2006, 2004) beobachtete ebenfalls eine Aktivierung dieser Schmerz verarbeitenden affektiven Hirnregionen, wenn die Versuchsperson verbale Stimuli erhielt, die eine schmerzvolle Erfahrung simulierten. Diese experimentellen Daten deuten darauf hin, daß der Schmerzaffekt durch eine funktionelle Interaktion zwischen dem anterioren Cingulum und dem präfrontalen Kortex vermittelt wird.

Avenati und Aglioti (2006) haben die neuronalen Aktivitäten bei einem Beobachter nachgewiesen, der schmerzhafte Erfahrungen eines anderen Menschen entweder ansehen oder sich vorstellen sollte. Die Aktivierung neuronaler für die Schmerzverarbeitung zuständiger Strukturen (bestimmte sensorische Felder, das anteriore Cingulum und die Insula) überschneidet sich weitgehend. Dieser Effekt, der die affektiv-emotionalen und die Schmerzwahrnehmungsstrukturen von beobachtender und beobachteter Person gleichermaßen einschließt, ist als eine Form von Empathie beschrieben worden. Sie steht in Beziehung zur "verkörperten Simulation", durch die es möglich wird, die mentalen Zustände einer beobachteten Versuchsperson im Geist des Beobachters zu "replizieren". Dies schließt ein, daß die motorischen und emotionalen Befindlichkeiten einer Person entsprechende "Repräsentationen" oder neuronale "Konfigurationen" im Nervensystem einer anderen sie beobachtenden Person aktivieren können. Die im Vergleich nachempfundene Pein einer anderen Person führt zu einem empathischen Verständnis dieser Schmerzerfahrung.

Die Entdeckung der Spiegelneuronen (Gallese 2001, 2006; Rizzolatti u. Craighero 2004) leistete einen wichtigen Beitrag zur Frage, wie Reize verarbeitet werden, wenn eine Person ihre eigenen sensomotorischen Aktivitäten zu denen anderer Menschen in Beziehung setzt. Dabei zeigt sich, daß als Ergebnis von "verkörperter Simulation" eine "intentionale Synchronisation" mit anderen Individuen erreicht wird. Dieser Vorgang gestattet eine experimentelle Einsicht in den Geist einer Beziehungsperson. Die Spiegelneuronen, neuronale Korrelate jener komplexen Mechanismen, die das Gefühl der Empathie überhaupt erst möglich machen, bilden eine "gemeinsam erlebte Vielfalt von Intersubjektivität" (Gallese 2006) und repräsentieren vielleicht auch die neuropsychologischen Mechanismen der Nachahmung, wie von Gaddini (1969) vor allem für den psychoanalytischen Kontext beschrieben.

Die umfangreichen Daten aus Experimenten zu den Spiegelneuronen im Frontal- und Parietallappen von Tieraffen erlauben die Formulierung der Hypothese, daß dieses "primäre sensomotorische Konfigurationssystem" wahrscheinlich angeboren ist. Es reagiert auf spezifische Reize und bildet eine neurologische Funktion, die für das Überleben des einzelnen wie auch der Art unverzichtbar ist.

In diesem Zusammenhang verdienen neuere von Dapretto (2005) mit dem funktionellen Kernspin durchgeführte Untersuchungen höchstes Interesse. Er und seine Mitarbeiter konnten nachweisen, daß bei autistischen Kindern die Spiegelneuronen in der anterioren frontalen Hirnwindung (Pars opercularis) gar nicht oder nur wenig aktiv sind. Genauer: Die Aktivität in diesem Bereich stand in umgekehrter Beziehung zur Schwere der autistischen Symptome. Dies läßt vermuten, daß die Fehlfunktion der Spiegelneuronen verantwortlich ist für die Defizite in den sozialen Beziehungen von Autisten. Das führt jedoch zu einem Problem, das sich nicht leicht wird lösen lassen: Liegt der Ursprung der autistischen Symptome in einem fehlerhaften System der Spiegelneuronen, das aus genetischen Gründen schon bei der Geburt angelegt ist? Oder ist Autismus eine umweltbedingte traumatische Störung, deren Ursprung vor allem im Scheitern einer primären sozialen Beziehung zu suchen ist, was die Expression bestimmter Gene verhindert, die essenziell sind für das Funktionieren des Systems der Spiegelneuronen in einer frühen Lebensphase und für die geistige Entwicklung des Kindes insgesamt?

In jedem Fall liefern aber diese Forschungsergebnisse bedeutsame neurophysiologische Korrelate von geistigen Prozessen, was für die psychoanalytische Theorie und Praxis großes Gewicht hat. Jeder psychoanalytisch Erfahrene weiß, daß die Beziehung zwischen zwei Menschen, die Emotionen unterschiedlichster Art (physischen und geistigen Schmerz eingeschlossen) zum Ausdruck bringen, zum wechselseitigen Transfer vielfältigster Gefühle und Affekte führt. Dazu möchte ich abschließend einen Vorschlag beziehungsweise eine Frage formulieren: Läßt das beschriebene Phänomen des Miterlebens von affektiven und emotionalen Zuständen (was manche Autoren "verkörperte Simulation" nennen) sich etwa als physiologische Korrelate jener geistigen Zustände verstehen, die Melanie Klein 1946 (1975) als "projektive Identifikation" bezeichnete?

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