Erich Fromm

Aggression und Charakter Auszüge
Das Hauptproblem liegt – ganz allgemein gesehen – darin, daß das Wort "Aggression" in einer wahllosen und indiskriminierenden Weise gebraucht wird. Man versteht unter Aggression Dinge, die miteinander überhaupt nichts zu tun haben. Aggression wird genannt das aktive offensive Vorgehen eines Menschen im Sinne der Urbedeutung von "Aggression", abgeleitet vom lateinischen Wort "agredi", also einen Schritt vorwärts machen. Aggression wird genannt, wenn sich jemand gegen die Drohung, getötet zu werden mit einem Akt der Gewalt verteidigt, z. B. den Bedroher erschießt, um sein Leben zu retten. Aggression wird genannt, wenn jemand Freude daran hat, einen anderen zu quälen und zu kontrollieren. Aggression wird genannt, wenn jemand Lust daran hat, Menschen und Dinge zu zerstören. Aggression wird von manchen Analytikern sogar genannt, wenn der Bauer die Erde pflügt, denn der Erde wird damit etwas "angetan", sie wird im Akt des Pflügens sozusagen "angegriffen". Nun ist aber ganz klar, daß, wenn man nicht nur isoliert auf die Handlungsweise des jeweils Handelnden abzielt, der Mensch, der sich dagegen wehrt, getötet zu werden oder daß ein anderer getötet wird, und der Mensch, der ein Lustmörder ist oder der aus Lust zerstört, überhaupt nichts miteinander zu tun haben, außer dem Wort "Aggression". Es kommt also zunächst einmal darauf an, die Begriffe zu trennen. Das ist jedoch nur möglich, wenn man nicht auf die Handlung selbst als etwas Isoliertem ausgerichtet ist, sondern wenn man sie auf den handelnden Menschen bezieht.
Vielleicht kann ich das an einem kleinen Beispiel deutlich machen. Nehmen wir einmal an, zwei Väter schlagen ihre Söhne: der eine ist ein freundlicher, besorgter, liebender Vater, der andere ist ein Sadist. Der Sadist rationalisiert, wenn er ein "moralischer" Mensch ist, sein Verhalten damit, daß er vorgibt, die Schläge seien gut für das Kind. In Wirklichkeit wird er aber getrieben und motiviert von seinen sadistischen Impulsen. Die Handlung selbst ist verschieden, je nach der Motivierung, das können Sie am besten an der Reaktion des geschlagenen Kindes sehen. Für das Kind des liebenden, sich sorgenden, konstruktiven Vaters haben diese Schläge keinen großen Effekt. Sie sind nicht, was man manchmal in der Psychoanalyse ein "Trauma" nennt, das ihm nun durchs Leben nachfolgt, weil die Beziehung zum Vater durch die Schläge zerstört ist; nein, sie ist etabliert auf der Ebene des Vertrauens. Das Kind kennt den Vater und weiß, daß sich trotz der Schläge nichts an seiner liebenden Haltung zu ihm ändert. Aber bei dem anderen Vater, dem Sadisten, wenn man da genauer hinsieht, erkennt man das Glitzern in seinen Augen, den besonderen Gesichtsausdruck, die spezifische Art, wie er das Kind behandelt, selbst der Klang seiner Stimme verrät ihn. Das Kind fühlt sich durch ihn gedemütigt, geschändet, entwürdigt, und für dieses Kind ist das Schlagen tatsächlich – wenn auch nicht gerade ein Trauma – so doch ein wichtiges Symptom einer kontinuierlichen Beziehung, in der es der Vater entwürdigen und kontrollieren will.

Anatomie der menschlichen Destruktivität Auszüge
Diese Untersuchung ist der erste Band einer umfassenden Arbeit über die psychoanalytische Theorie. Ich habe mit der Untersuchung der Aggression und Destruktivität nicht nur deshalb angefangen, weil sie zu den grundlegenden theoretischen Problemen der Psychoanalyse gehört, sondern weil die Welle der Destruktivität, die die Welt überschwemmt, diese Untersuchung auch auf praktischem Gebiet höchst bedeutungsvoll erscheinen läßt. ...
Wenn ein Mensch geboren wird, kommt er keineswegs ohne "Gesicht" auf die Welt. Er wird nicht nur mit genetisch determinierten Anlagen hinsichtlich seines Temperaments und anderer ererbter Dispositionen geboren, welche die Ausbildung gewisser Charakterzüge vor anderen begünstigen, auch vorgeburtliche Ereignisse und die Geburt selbst bewirken zusätzliche Dispositionen. All dies formt sozusagen das "Gesicht" des Betreffenden bei seiner Geburt. Dann kommt er mit einer speziellen Umwelt – seinen Eltern und anderen signifikanten Personen seiner Umgebung – in Kontakt und reagiert darauf, was seine weitere Charakterentwicklung beeinflußt. Mit achtzehn Monaten ist der Charakter des Kindes weit definitiver geformt und determiniert, als er es bei seiner Geburt war. Trotzdem ist er noch nicht endgültig fertig, und seine Entwicklung kann je nach den auf ihn ausgeübten Einflüssen in verschiedenen Richtungen erfolgen. Im Alter von sechs Jahren etwa ist der Charakter noch stärker determiniert und festgelegt, doch verliert er damit nicht die Fähigkeit sich zu ändern, vorausgesetzt, daß neue signifikante Umstände eintreten, die eine solche Veränderung veranlassen. Allgemeiner gesagt ist die Charakterbildung und -fixierung als eine gleitende Skala anzusehen. Der Mensch bringt gewisse Eigenschaften mit auf die Welt, die ihn für eine bestimmte Entwicklung disponieren, doch ist seine Persönlichkeit noch so formbar, daß sich der Charakter innerhalb eines gegebenen Rahmens in vielen verschiedenen Richtungen entwickeln kann. Jeder Schritt im Leben schränkt die Zahl zukünftiger möglicher Entwicklungen weiter ein. Je mehr ein Charakter fixiert ist, um so stärker muß der Eindruck der neuen Faktoren sein, wenn sie fundamentale Richtungsänderungen in der weiteren Entwicklung des Systems bewirken sollen. Schließlich wird dann die noch verbleibende Möglichkeit zu einer Änderung so minimal, daß nur noch ein Wunder eine Wandlung herbeiführen könnte.

Authentisch leben Auszüge
Der gegenwärtige Mensch hat mehr als der Mensch irgendeiner früheren Geschichtsepoche den Versuch gemacht, das Leben der Gesellschaft nach rationalen Prinzipien zu ordnen, es in der Richtung des größten Glückes für die größte Zahl der Menschen zu verändern und den einzelnen aktiv an dieser Veränderung zu beteiligen. Er hat gleichzeitig die Natur in einem bisher nie gekannten Maß bezwungen. Seine technischen Leistungen und Erfindungen stehen einer Verwirklichung aller Träume nahe, die je von der Herrschaft des Menschen über die Natur und seiner Macht geträumt worden sind. Er hat einen bisher ungeahnten Reichtum geschaffen, der zum ersten Mal in der Geschichte die Möglichkeit eröffnet, die materiellen Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen. Nie zuvor ist der Mensch so Meister der materiellen Welt gewesen.
Andererseits aber weist der gegenwärtige Mensch gerade schroff entgegengesetzte Charakterzüge auf. Er produziert eine Welt der großartigsten und wunderbarsten Dinge; aber diese seine eigenen Geschöpfe stehen ihm fremd und drohend gegenüber; sind sie geschaffen, so fühlt er sich nicht mehr als ihr Herr, sondern als ihr Diener. Die ganze materielle Welt wird zum Monstrum einer Riesenmaschine, die ihm Richtung und Tempo seines Lebens vorschreibt. Aus dem Werk seiner Hände, bestimmt, ihm zu dienen und ihn zu beglücken, wird eine ihm entfremdete Welt, der er demütig und ohnmächtig gehorcht. ...
In den neurotischen Fällen wird der Inhalt des Ohnmachtsgefühls etwa folgendermaßen beschrieben: Ich kann nichts beeinflussen, nichts in Bewegung setzen, durch meinen Willen nicht erreichen, daß irgend etwas in der Außenwelt oder in mir selbst sich ändert, ich werde nicht ernstgenommen, bin für andere Menschen Luft.

Das Menschliche in uns Auszüge
Dieses Buch greift Gedankengänge auf, die in einigen meiner früheren Veröffentlichungen dargestellt worden sind, und versucht, sie weiterzuentwickeln. In Die Furcht vor der Freiheit behandelte ich das Problem der Freiheit sowie den Sadismus, Masochismus und den Zerstörungsdrang; in der Zwischenzeit haben mich sowohl klinische Erfahrungen als auch theoretische Spekulationen zu einem, wie ich meine, tieferen Verständnis der Freiheit sowie der verschiedenen Erscheinungsformen der Aggression und Destruktivität geführt. Ich habe zwischen verschiedenen Aggressionsarten, die direkt oder indirekt im Dienste des Lebens stehen, und jener bösartigen Form, der Nekrophilie, die eine echte Liebe zum Tode ist (im Gegensatz zur Biophilie) unterscheiden können. In Psychoanalyse und Ethik habe ich das Problem ethischer Normen erörtert, die auf unseren Kenntnissen von der menschlichen Natur und nicht auf Offenbarungen und vom Menschen gemachten Gesetzen und Konventionen beruhen. In diesem Buch dringe ich weiter in den Problemkreis ein und behandele das Wesen des Bösen und die Wahl zwischen Gut und Böse. Und schließlich stellt dieses Buch in gewisser Hinsicht das Gegenstück zu "Die Kunst des Liebens" dar. Während dort das Hauptthema die Liebesfähigkeit des Menschen war, so ist es hier seine Fähigkeit zu zerstören, sein Narzißmus und seine inzestuöse Fixierung. Während die Erörterung der Nicht-Liebe den größeren Teil des Buches einnimmt, wird auch das Problem der Liebe behandelt, und zwar in einem neuen, weitergefaßten Sinne: der Liebe zum Leben. Ich versuche nachzuweisen, daß Liebe zum Leben, Unabhängigkeit und Überwindung des Narzißmus ein "Wachstumssyndrom" bilden, im Gegensatz zum "Verfallssyndrom", das aus der Liebe zum Tode, der inzestuösen Symbiose und dem bösartigen Narzißmus erwächst.

Destruktivität Auszüge
Robert Jungk im Gespräch mit Erich Fromm. Die Menschheit hat bisher eine Reihe von schweren Krisen überraschenderweise bestanden, und dieses eigenartige Experiment »Mensch« hat überlebt. Nun kann man natürlich sagen: Ja, die Bedrohungen, denen wir heute ausgesetzt sind, waren auch noch nie so groß. Das ist vielleicht richtig, aber die Tatsache, daß wir immer noch lebendig sind, daß die Menschheit – nach einer relativ kurzen Geschichte – immer noch existiert, ist selbst schon bemerkenswerter, als die meisten Menschen denken, die das für selbstverständlich nehmen. Um ein biologisches Argument anzuführen: Die Gehirnstruktur des Menschen ist so organisiert, daß der Wunsch zu überleben, sowohl als einzelner wie als Art, dominiert. Eine Reihe von zeitgenössischen Neurophysiologen hat betont, daß der Gehirnmechanismus diesen blinden Wunsch zu leben in Zielvorstellungen umgesetzt hat, die zum Überleben notwendig sind. Und diese Vorstellungen sind nach Meinung von Wissenschaftlern in den neurophysiologischen Apparat eingebaut.

Die Entdeckung des gesellschaftlichen Unbewußten Auszüge
Vor allen Dingen ist der Mensch ein gesellschaftliches Wesen. Ihr besonderes Augenmerk richtet die revidierte Psychoanalyse auf jene psychischen Phänomene, die die Pathologie der gegenwärtigen Gesellschaft begründen: auf Entfremdung, Angst, Einsamkeit, auf die Angst vor tiefreichenden Gefühlen, auf den Mangel an Tätigsein und auf das Fehlen von Freude. Diese Symptome haben die zentrale Rolle übernommen, die die Verdrängung der Sexualität zur Zeit Freuds innehatte. Die psychoanalytische Theorie muß deshalb so gefaßt werden, daß sie die unbewußten Aspekte dieser Symptome und ihre krank machenden Bedingungen in Gesellschaft und Familie verständlich macht. Darüber hinaus muß die Psychoanalyse die »Pathologie der Normalität« erforschen, jene chronische, leichte Schizophrenie, die von der kybernetisch organisierten, technologischen Gesellschaft von heute und morgen erzeugt wird. Die Triebe können regressiv, archaisch und selbst-destruktiv sein, oder sie können dem Menschen zu seiner vollen Entfaltung verhelfen und eine Einheit mit der Welt unter der Bedingung von Freiheit und Integrität herstellen. In diesem günstigen Fall sind seine das Überleben transzendierenden Bedürfnisse keine Ausgeburt von Unlust und »Mangel«, sondern das Ergebnis seines Reichtums an Möglichkeiten, die ihn leidenschaftlich danach streben lassen, sich in die Objekte, die ihnen entsprechen, zu ergießen: Ein solcher Mensch wünscht zu lieben, weil er ein Herz hat; er denkt gerne, weil er ein Gehirn hat; er möchte berühren, weil er eine Haut hat.

Die Furcht vor der Freiheit Auszüge
Dieses Buch ist Teil einer umfassenden Untersuchung, welche die Charakterstruktur des modernen Menschen und die Probleme der Wechselwirkung zwischen psychologischen und soziologischen Faktoren behandelt, mit der ich mich seit mehreren Jahren beschäftige und die noch lange nicht abgeschlossen ist. Die gegenwärtigen politischen Entwicklungen und die Gefahren, die sie für die größte Leistung der modernen Kultur – für die Individualität und Einmaligkeit des Menschen – mit sich bringen, haben mich jedoch bewogen, meine Arbeit an einer umfassenderen Untersuchung zu unterbrechen und mich auf einen bestimmten Aspekt zu konzentrieren, der mir für die kulturelle und gesellschaftliche Krise unserer Tage besonders wichtig ist: die Bedeutung der Freiheit für den modernen Menschen. Es würde mir die Arbeit erleichtern, könnte ich in diesem Buch den Leser auf eine abgeschlossene Untersuchung der menschlichen Charakterstruktur hinweisen, weil man die Bedeutung der Freiheit nur wirklich verstehen kann, wenn man die gesamte Charakterstruktur des modernen Menschen analysiert. So muß ich mich immer wieder auf bestimmte Begriffe und Schlußfolgerungen beziehen, ohne sie so ausführlich erläutern zu können, wie ich es getan hätte, wäre die ganze Weite des Problems bereits erfaßt. Was andere, ebenfalls höchst wichtige Probleme betrifft, so konnte ich oft nur im Vorübergehen und manchmal überhaupt nicht auf sie eingehen. Aber ich habe das Gefühl, daß der Psychologe unverzüglich zum Verständnis der gegenwärtigen Krise alles beisteuern sollte, was er zu bieten hat, selbst unter Aufgabe seines Wunsches nach Vollständigkeit.

Die Kunst des Liebens Auszüge
Man darf von diesem Buch keine simple Anleitung zur Kunst des Liebens erwarten; tut man es doch, wird man enttäuscht sein. Das Buch möchte ganz im Gegenteil zeigen, daß die Liebe kein Gefühl ist, dem sich jeder ohne Rücksicht auf den Grad der eigenen Reife nur einfach hinzugeben braucht. Ich möchte den Leser davon überzeugen, daß alle seine Versuche zu lieben fehlschlagen müssen, sofern er nicht aktiv versucht, seine ganze Persönlichkeit zu entwickeln, und es ihm so gelingt, produktiv zu werden; ich möchte zeigen, daß es in der Liebe zu einem anderen Menschen überhaupt keine Erfüllung ohne die Liebe zum Nächsten, ohne wahre Demut, ohne Mut, Glaube und Disziplin geben kann. In einer Kultur, in der diese Eigenschaften rar geworden sind, wird die Fähigkeit zu lieben nur selten voll entwickelt. Jeder mag sich selbst die Frage stellen, wie viele wahrhaft liebende Menschen er kennt. Daß die Aufgabe schwer ist, sollte uns jedoch nicht davon abhalten zu versuchen, uns die Schwierigkeiten klarzumachen und die Voraussetzungen, die man braucht, um diese Schwierigkeiten zu überwinden. Um die Sache nicht zu komplizieren, habe ich mich bemüht, in einer einfachen, klaren Sprache zu schreiben. Aus eben diesem Grunde habe ich auch möglichst wenig auf Fachliteratur verwiesen.
Für ein weiteres Problem habe ich allerdings keine voll befriedigende Lösung gefunden. Ich konnte es nicht immer vermeiden, Gedanken aus meinen früheren Veröffentlichungen zu wiederholen. Leser, die mit meinen Büchern, insbesondere mit "Die Furcht vor der Freiheit" (194la), "Psychoanalyse und Ethik" (1947a) und "Wege aus einer kranken Gesellschaft" (1955a) vertraut sind, werden hier viele Gedanken wiederfinden. Trotzdem ist das vorliegende Buch keine Wiederholung. Es enthält viele neue Gedanken, und natürlich gewinnen Überlegungen, auch wenn sie bereits in anderen Zusammenhängen angestellt wurden, dadurch, daß sie sich alle auf ein einziges Thema – die Kunst des Liebens – konzentrieren, neue Perspektiven.

Die Pathologie der Normalität Auszüge
Anfang der fünfziger Jahre wandte sich Erich Fromm verstärkt der Frage zu, ob der Mensch in der gegenwärtigen Industriegesellschaft noch seelisch gesund sei. Verschiedene Einladungen zu Vorträgen und Vorlesungen nahm er deshalb zum Anlaß, zu diesem Thema zu sprechen. Besonders sein neuer sozial-psychologischer Denkansatz ermöglichte ihm die Weiterentwicklung der psychoanalytischen Methode zu einer umfassenden Kritik der Pathologie des – normalen –, gesellschaftlich angepaßten Menschen. Verbreitete leidenschaftliche Strebungen, die das Verhalten in der Gesellschaft dominieren und darum das Bild von der Normalität bestimmen, konnte er somit einer radikalen Analyse unterwerfen. Die Frage, was der seelischen Gesundheit wirklich förderlich ist und was den Menschen krank macht, wurde nun von Fromm auf sehr fruchtbare Weise neu beantwortet. So ist es Fromms Bestreben, die das Verhalten disponierenden leidenschaftlichen Strebungen in Beziehung zu den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfordernissen zu setzen, so daß die in einer Gesellschaft besonders verbreiteten Charakterzüge als Ergebnis eines Anpassungsprozesses an die jeweilige sozialökonomische Situation begriffen werden können. Diese Methode hat ihn in den dreißiger Jahren zur Entdeckung des autoritären GesellschaftsCharakters, Ende der vierziger Jahre zur Entdeckung des Marketing-Charakters und Anfang der sechziger Jahre zur Entdeckung des nekrophilen Gesellschafts-Charakters geführt.

Die Seele des Menschen Auszüge
Dieses Buch greift Gedankengänge auf, die ich bereits in einigen meiner früheren Bücher behandelt habe, und versucht sie weiterzuentwickeln. Escape from Freedom (Die Furcht vor der Freiheit 1941a) befaßt sich mit dem Problem der Freiheit im Zusammenhang mit dem Sadismus, dem Masochismus und der Destruktivität; inzwischen haben mich klinische Erfahrungen und theoretische Überlegungen zu einem – wie ich meine – tieferen Verständnis der Freiheit wie auch der verschiedenen Arten von Aggression und Destruktivität geführt. Ich vermag jetzt zwischen verschiedenen Formen der Aggression zu unterscheiden, die direkt oder indirekt im Dienst des Lebens stehen, und der bösartigen Form der Destruktivität, der Nekrophilie, bei welcher es sich um eine echte Liebe zu Totem handelt, die das Gegenteil der Biophilie ist, der Liebe zum Leben und zu Lebendigem. In Man for Himself (Psychoanalyse und Ethik 1947a) habe ich das Problem der ethischen Normen erörtert, die auf unserer Kenntnis der menschlichen Natur und nicht auf Offenbarung oder auf Gesetzen und Konventionen beruhen, die vom Menschen geschaffen wurden. Im vorliegenden Buch verfolge ich dieses Problem weiter und beschäftige mich speziell mit dem Wesen des Bösen und mit der Wahl zwischen Gut und Böse. Schließlich ist das Buch in gewissem Sinn auch ein Gegenstück zu The Art of Loving (Die Kunst des Liebens 1956a). Während dort die Liebesfähigkeit des Menschen das Hauptthema war, ist es hier seine Fähigkeit zu zerstören, sein Narzißmus und seine inzestuöse Fixierung. Obgleich die Erörterung der Nicht-Liebe den größten Teil dieses Buches einnimmt, habe ich doch auch das Problem der Liebe in einem neuen, umfassenderen Sinn – nämlich im Sinn der Liebe zum Leben – wieder aufgegriffen. Ich versuche zu zeigen, daß die Liebe zum Lebendigen mit der Unabhängigkeit und der Überwindung des Narzißmus ein »Wachstumssyndrom« bildet, im Gegensatz zu dem aus der Liebe zum Toten, der inzestuösen Symbiose und dem bösartigen Narzißmus gebildeten »Verfallssyndrom«.

Drei Filter: Sprache, Logik, Gesellschaft
Ob subtile affektive Empfindungen bewußt werden können oder nicht, hängt davon ab, wie weit solche Empfindungen in einem Kulturkreis gepflegt werden. Es gibt viele affektive Empfindungen, für die eine bestimmte Sprache keine Bezeichnung hat, während eine andere reich an Ausdrücken ist, die diese Gefühle benennen. Im Deutschen haben wir beispielsweise das Wort »Liebe«, das Empfindungen vom einfachen Gernhaben bis zur erotischen Leidenschaft und bis zur brüderlichen Liebe und Mutterliebe umfaßt. Wenn in einer Sprache verschiedene affektive Empfindungen nicht durch verschiedene Wörter ausgedrückt werden, ist es fast unmöglich, daß diese Empfindungen in das Bewußtsein dringen, und umgekehrt. Allgemein kann man sagen, daß eine Empfindung selten bewußt wird, für die die Sprache kein Wort hat.

Der Einfluß gesellschaftlicher Faktoren auf die Entwicklung des Kindes
Das Ziel der Erziehung von Kindern ist nicht nur, ihnen mehr oder weniger intellektuelles Wissen zu vermitteln oder Werte wie Ehre, Mut, etc. beizubringen. Die Funktionen jedes Individuums innerhalb der Gesellschaft gehen weit über das Erwähnte hinaus: Sie müssen es lernen, entsprechend den Normen zu arbeiten und zu konsumieren, die die Produktionsmittel und Konsummuster der Gruppe und Gesellschaft erfordern, in der sie leben. ... Es ist sehr wichtig, daß sich die heutigen Eltern nicht so ohne weiteres von dem gesellschaftlichen Verlangen nach größerem Erfolg, mehr Geld oder Luxus beeindrucken lassen. Sie sollten sich sehr genau überlegen, was ihre eigenen Werte und Ideale sind und sich nicht so leicht dazu verleiten lassen, die Orientierungen ihrer Kinder zu übernehmen, für die es keine allgemein gültigen menschlichen Werte mehr gibt.

Ethik und Politik (Schriften aus dem Nachlaß – Band 4) Auszüge
Wer den Menschen in seinem Denken, Fühlen und Handeln begreifen will, der muß lernen, ihn von seinen meist verborgenen leidenschaftlichen Strebungen her zu verstehen. Diese aber sind für Erich Fromm in erster Linie Ausdruck eines Identifikationsprozesses mit den Erfordernissen einer bestimmten Kultur, für die der Mensch im wesentlichen selbst die Verantwortung trägt.

Gesellschaft und Seele (Schriften aus dem Nachlaß – Band 7) Auszüge
Die Gesellschaft ist nichts als die lebendigen, konkreten Individuen, und das Individuum kann nur als vergesellschaftetes Individuum leben. Die Analyse des Charakters des einzelnen führt mit allen seinen individuellen Zügen auf die Elemente des sozial typischen Charakters zurück, so daß erst das Verständnis des sozial typischen Charakters ein volles Verständnis des individuellen Charakters ermöglichen kann. So sehr es stimmt, daß der Mensch so zu leben hat, daß er den Forderungen der Gesellschaft, in der er lebt, gerecht wird, so sehr stimmt es auch, daß die Gesellschaft so konstruiert und strukturiert sein muß, daß sie den Bedürfnissen des Menschen gerecht wird. Das Recht, den anderen zu analysieren, erwirbt der Analytiker sich dadurch, daß er imstande ist, in sich das zu mobilisieren, was ihn verstehen läßt, was im anderen vor sich geht. Das wichtigste Instrument des Analytikers ist er selbst. Für mich besteht die Zukunft der Analyse darin, daß sie wieder eine kritische Theorie wird, indem sie hilft, die heute in den Individuen und in der Gesellschaft entscheidenden Verdrängungen aufzuklären, Widersprüche aufzuhellen und Ideologien zu entzaubern; indem sie zeigt, daß das, was Freud das „Unbehagen in der Kultur“ genannt hat, in Wirklichkeit schon eine Pathologie der kybernetischen Gesellschaft ist.

Haben oder Sein (Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft) Auszüge
Dieses Buch setzt zwei Richtungen meiner früheren Schriften fort. Es ist eine Erweiterung meiner Arbeiten auf dem Gebiet der radikal-humanistischen Psychoanalyse und konzentriert sich auf die Analyse von Selbstsucht und Altruismus als zwei grundlegenden Charakterorientierungen. Im letzten Drittel des Buches, in Teil III, führe ich ein Thema weiter aus, mit dem ich mich schon in The Sane Society (Wege aus einer kranken Gesellschaft 1955a) und The Revolution of Hope (Die Revolution der Hoffnung 1968a) beschäftigt habe: der Krise der heutigen Gesellschaft und der Möglichkeiten, sie zu lösen. Wiederholungen schon früher geäußerter Überlegungen waren unvermeidlich, aber ich hoffe, daß der neue Gesichtspunkt, von dem aus diese kleinere Arbeit geschrieben ist, und der weitere Rahmen auch Lesern Gewinn bringen wird, die mit meinen früheren Schriften vertraut sind.

Humanismus als Utopie (Der Glaube an den Menschen) Auszüge
Ich glaube, daß niemand seinen Nächsten dadurch »retten« kann, daß er für ihn eine Entscheidung trifft. Die einzige Hilfe besteht darin, daß er ihn in aller Aufrichtigkeit und Liebe sowie ohne Sentimentalität und Illusionen auf mögliche Alternativen hinweisen kann. Die echte Alternative zu Realismus und Utopismus erwächst aus dem Syndrom von Denken, Erkenntnis, Vorstellungsvermögen und Hoffnung. Dieses befähigt den Menschen, die realen Möglichkeiten zu sehen, deren Keime bereits vorhanden sind. Voraussetzungen für seelische Gesundheit und das Überleben der Zivilisation sind eine Wiederbelebung des Geistes der Aufklärung, eines rücksichtslos kritischen und wirklichkeitsnahen, jedoch von seinen überschwenglich optimistischen und rationalistischen Vorurteilen befreiten Geistes, und zugleich die Wiederbelebung humanistischer Werte, die nicht gepredigt, sondern im persönlichen und gesellschaftlichen Leben realisiert werden. Ich glaube, daß der einzelne so lange nicht mit seiner Menschheit in sich in engen Kontakt kommen kann, solange er sich nicht anschickt, seine Gesellschaft zu transzendieren und zu erkennen, in welcher Weise diese die Entwicklung seiner menschlichen Potentiale fördert oder hemmt. Kommen ihm die Tabus, Restriktionen, entstellten Werte ganz »natürlich« vor, dann ist dies ein deutlicher Hinweis darauf, daß er keine wirkliche Kenntnis der menschlichen Natur hat. Ich glaube, daß die Verwirklichung einer Welt möglich ist, in der der Mensch viel »sein« kann, selbst wenn er wenig »hat«.

Jenseits der Illusionen (Die Bedeutung von Marx und Freud) Auszüge
Ich möchte mich in diesem Buch ausschließlich mit Marx und Freud beschäftigen. Wenn ich ihre beiden Namen so nebeneinanderstelle, könnte leicht der Eindruck entstehen, daß ich sie für zwei Menschen von gleicher Größe und gleicher geschichtlicher Bedeutung halte. Ich möchte aber von Anfang an klarstellen, daß dies nicht der Fall ist. Daß Marx eine Figur von weltgeschichtlicher Bedeutung ist, mit der Freud in dieser Hinsicht nicht zu vergleichen ist, braucht kaum besonders erwähnt zu werden. Selbst wenn man – so wie ich – tief bedauert, daß ein entstellter und unwürdiger Marxismus in fast einem Drittel der Welt gepredigt wird, so verringert das nicht die einzigartige historische Bedeutung von Marx. Aber von dieser geschichtlichen Tatsache ganz abgesehen, halte ich Marx als Denker für weit tiefgründiger und umfassender als Freud. Marx wußte das geistige Erbe des Aufklärungshumanismus und des Deutschen Idealismus mit der Realität wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Tatsachen in Zusammenhang zu bringen und so die Grundlagen für eine neue Wissenschaft vom Menschen und von der Gesellschaft zu legen, die gleichzeitig empirisch und vom Geist der humanistischen Tradition des Westens erfüllt ist. Wenn auch dieser Geist des Humanismus von den meisten Systemen, die im Namen von Marx zu sprechen behaupten, abgeleugnet und entstellt wird, so glaube ich doch, daß – wie ich in diesem Buch zeigen möchte – eine Renaissance des westlichen Humanismus Marx seinen hervorragenden Platz in der Geschichte des menschlichen Denkens zurückgeben wird. Aber auch wenn man all das einräumt, wäre es doch recht naiv, Freuds Bedeutung deshalb zu übersehen, weil er an Marx nicht heranreicht. Er ist der Begründer einer wahrhaft wissenschaftlichen Psychologie, und seine Entdeckung der unbewußten Prozesse und der dynamischen Eigenart der Charakterzüge ist ein einzigartiger Beitrag zur Wissenschaft vom Menschen, der das Bild vom Menschen für alle Zeiten verändert hat.

Leben zwischen Haben und Sein Auszüge
„Viele spüren, daß ein Leben, das dem Erfolg, der Konkurrenz, der Ausbeutung dient, in Wirklichkeit ein Leben ist, das die Menschen unglücklich macht“ (Erich Fromm). Warum ist es so schwierig, sich von der Existenzweise des Habens zu verabschieden, dem Konsum zu entgehen und ein Leben zu führen, das wirklich zufrieden macht? Viel Unbewußtes ist im Spiel, wenn Menschen und eine ganze Gesellschaft in eine Fehlform des Lebens hineingeraten. Es kommt darauf an, bewußter zu leben, aufmerksam zu werden für das, was wirklich wesentlich und wichtig ist. Wurzeln zu schlagen und doch frei zu sein: das ist die Kunst, zu sein und die Weisheit eines glücklichen Lebens. Mit vielen bisher unveröffentlichten Texten, die die Alternativen zwischen Haben und Sein noch deutlicher herausstellen. Ein lebenspraktisches Buch, das die Kunst lehrt, tiefer zu leben.

Märchen, Mythen, Träume (Eine Einführung in das Verständnis einer vergessenen Sprache) Auszüge
Wenn wir wach sind, sind wir aktive, vernünftige Wesen, eifrig darauf bedacht, das zu bekommen, was wir haben möchten, und bereit, uns gegen Angriffe zu wehren. Wir handeln und beobachten; wir sehen die Dinge um uns herum vielleicht nicht so, wie sie wirklich sind, aber doch wenigstens so, daß wir sie nutzen und handhaben können. Freilich besitzen wir nicht viel Vorstellungsvermögen – und sofern wir keine Kinder oder Dichter sind, beschränkt sich dieses meist darauf, die Geschichte und Pläne unserer alltäglichen Erlebnisse zu wiederholen. Wir sind tüchtig, doch dabei phantasiearm. Wir bezeichnen das, was wir tagsüber beobachten, als »die Wirklichkeit« und sind stolz auf unseren »Realismus«, der uns in die Lage versetzt, sie so geschickt zu handhaben. Wenn wir schlafen, erwachen wir zu einer anderen Daseinsform. Wir träumen. Wir erfinden Geschichten, die sich nie ereignet haben und für die es im wirklichen Leben manchmal keine Entsprechung gibt. Manchmal sind wir der Held, manchmal der Bösewicht; manchmal erleben wir die herrlichsten Dinge und sind glücklich; oft werden wir in höchsten Schrecken versetzt. Doch welche Rolle wir auch immer im Traum spielen, wir sind der Autor, es ist unser Traum, wir haben die Handlung erfunden.

Psychoanalyse und Religion Auszüge
Dieses Buch kann als Fortsetzung der in Man for Himself (Psychoanalyse und Ethik 1947a) niedergelegten Gedanken angesehen werden, die eine Untersuchung der Psychologie der Ethik sind. Ethik und Psychologie sind einander nahe verwandt, und darum überschneiden ihre Gebiete einander bisweilen. Doch habe ich in diesem Buch versucht, den Schwerpunkt auf die Religion zu legen, während er in Man for Himself ganz und gar auf der Ethik lag.
Die Leute gehen in die Kirchen und hören Predigten, in denen die Grundsätze der Liebe und der Barmherzigkeit gepriesen werden; und dieselben Leute würden sich für Narren oder Schlimmeres halten, wenn sie Bedenken hätten, einem Kunden etwas aufzuschwatzen, wovon sie wissen, daß es über seine Verhältnisse geht. Kinder lernen in der Sonntagsschule, daß Ehrlichkeit, Lauterkeit und die Sorge um das Seelenheil die leitenden Prinzipien des Lebens sein sollten, während »das Leben« lehrt, daß die Befolgung dieser Grundsätze uns bestenfalls zu weltfremden Träumern macht. Wir haben die erstaunlichsten Möglichkeiten der Mitteilung durch Presse, Rundfunk und Fernsehen, und zugleich werden wir täglich mit einem Unsinn gefüttert, der für den Verstand von Kindern beleidigend wäre, würden diese nicht damit großgezogen. Viele Stimmen verkünen, unsere Lebensweise mache uns glücklich. Aber wie viele Menschen unserer Zeit sind glücklich?

Revolution der Hoffnung (Für eine humanisierte Technik) Auszüge
Das Unbehagen an den technischen Zwängen hochindustrialisierter Gesellschaften wächst. »Fortschritt« und »Wirtschaftswachstum« sind nicht länger unangefochtene Leitwerte. Zu offensichtlich hängen sie zusammen mit Umweltzerstörung, Unterdrückung und Ungerechtigkeit. In einer Welt der maximalen wirtschaftlich-technischen Effizienz ist eine Entwicklung absehbar, die den Menschen vollends zum Teil einer unkontrollierten »Megamaschine« macht. Fromm beschreibt die Grundzüge der mechanisierten Gesellschaft und ihre Wirkungen auf den Menschen. Seine Analyse ist kritisch, doch nie dogmatisch. Er verfällt weder dem Kulturpessimismus noch propagiert er die große Verweigerung oder den gewaltsamen Umsturz. Fromm sieht Ansätze zu einer Gesellschaft, die die Technik in den Dienst des Menschen stellt, und beschreibt Verhaltensweisen, mit denen der einzelne Einfluß auf eine humane Entwicklung nehmen kann.

Vom Haben zum Sein (Wege und Irrwege der Selbsterfahrung) Auszüge
Daß wir leben wollen, daß wir gerne leben, ist eine Tatsache, welche keine Erklärung braucht. Wenn wir hingegen fragen, wie wir leben wollen, was wir vom Leben erwarten, was uns das Leben sinnvoll macht, dann beschäftigen wir uns in der Tat mit – mehr oder weniger identischen – Fragen, auf welche Menschen viele verschiedene Antworten gegeben haben. Manche werden sagen, sie suchen Liebe, andere Macht, andere Sicherheit, andere sinnliche Freuden und Bequemlichkeit, wieder andere Ruhm; aber die meisten werden wahrscheinlich der Aussage zustimmen, daß sie Glück suchen. Auch die meisten Philosophen und Theologen haben das Glück als Ziel des menschlichen Strebens angesehen. Wenn aber unter Glück, wie wir eben gesehen haben, derart Verschiedenes und meist Unvereinbares verstanden wird, wird der Begriff eine Abstraktion und daher nutzlos. Wir sollten untersuchen, was gewöhnliche Menschen und was Philosophen mit dem Begriff Glück meinen.

Von der Kunst des Zuhörens (Therapeutische Aspekte der Psychoanalyse) Auszüge
Erich Fromm ist vielen Menschen als Therapeut bekannt geworden. Über 50 Jahre lang hat er Psychoanalysen durchgeführt, über 40 Jahre lang war er als Lehranalytiker, Kontrollanalytiker und Dozent an psychoanalytischen Lehr- und Ausbildungsinstituten in New York und Mexiko-Stadt tätig. Wer bei ihm in Psychoanalyse war, spürte seine Unerbittlichkeit als Wahrheitssucher und kritischer Weggenosse ebenso wie sein außerordentliches Einfühlungsvermögen, seine Nähe und die Unmittelbarkeit seiner Bezogenheit auf den anderen. Obwohl Fromm immer wieder Pläne hatte, seine besondere Art der therapeutischen Beziehung schriftlich zu fassen und zu veröffentlichen, kam es doch nie zu deren Realisierung. So sind die Berichte über Fromms Weise, mit dem ihm gegenübersitzenden Patienten, in Ausbildung stehenden Analytikern oder Kollegen umzugehen, von bleibendem Wert. ... Die Texte des Bandes geben Auskunft über den Therapeuten Fromm und seine Art des Umgangs mit dem seelisch leidenden Menschen unserer Zeit. Nicht wortgewaltige Theorien und Abstraktionen, und auch keine differential-diagnostischen „Vergewaltigungen“ des „Patientenmaterials“ kennzeichnen seine therapeutische Beziehung, sondern seine Fähigkeit zu eigenständiger und unabhängiger Wahrnehmung der Grundprobleme des Menschen.

Wege zur Befreiung (Über die Kunst des Lebens) Auszüge
Das Leben selbst ist eine Kunst – in Wirklichkeit die wichtigste und zugleich schwierigste und vielfältigste Kunst, die der Mensch ausüben kann. Ihr Gegenstand ist nicht diese oder jene spezielle Verrichtung, sondern die „Verrichtung“ des Lebens selbst, der Entwicklungsprozeß auf das hin, was der Mensch potentiell ist. Bei der Kunst des Lebens ist der Mensch sowohl Künstler als auch der Gegenstand seiner Kunst. Er ist der Bildhauer und der Stein, der Arzt und der Patient.

Über den Ungehorsam Auszüge
Der Mensch hat sich durch Akte des Ungehorsams weiterentwickelt. Nicht nur, daß seine geistige Entwicklung nur möglich war, weil es einzelne gab, die es wagten, im Namen ihres Gewissens und Glaubens zu den jeweiligen Machthabern »nein« zu sagen – auch die intellektuelle Entwicklung hatte die Fähigkeit zum Ungehorsam zur Voraussetzung, zum Ungehorsam gegenüber Autoritäten, die neue Ideen mundtot zu machen suchten, und gegenüber der Autorität lang etablierter Meinungen, die jede Veränderung für Unsinn erklärten.

Über die Liebe zum Leben (Rundfunksendungen) Auszüge
Diese Radiotexte von Erich Fromm stammen aus dem letzten, dem achten Jahrzehnt seines Lebens. Er war niemals fertig. Er las, schrieb, plante, lernte, war offen, ja neugierig – bis zuletzt. Aber das Werk, das er in zehn Bänden hinterlassen hat, gelangte nun zum Höhepunkt und Abschluß, und aus ihm konnte er schöpfen, wenn er als wachsamer und kritischer Beobachter die Zeitläufte kommentierte. So sind die hier wiedergegebenen Protokolle eine interessante Ergänzung seines Oeuvres: ihr Wert liegt weniger in der Neuigkeit als in der Lebendigkeit der Aussage, weniger im Gehalt als in der Gestalt. Die Vorträge und Gespräche wurden in der Mehrzahl in Fromms Wohnung in Locarno, sonst im Studio in Zürich aufgenommen. Mit der Lektüre kann man von ferne die Besuche und Unterhaltungen nachvollziehen, zu denen der große alte Mann gern einlud. Abgesehen von frühen Schriften, die in dichtem Schreibtischdeutsch verfaßt worden sind, kennen wir Fromm hierzulande als einen nur in Übersetzungen zugänglichen angelsächsischen Autor. Mit den Radiotexten aber ist er noch einmal in seine Muttersprache heimgekehrt. Sie wirkt, weil ohne Papier entstanden, erstaunlich unmittelbar. Nach Matthias Claudius ist die Schriftsprache ein infamer Trichter, darin Wein zu Wasser wird. Auch Fromm bevorzugte das gesprochene Wort, die An-Rede, die An-Sprache. Hier haben wir sie. Und wer ihn gekannt hat, hört ihn, wenn er sie liest.

Erich Fromm im Internet:

Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft e.V.
Bei Wikipedia
Peter Möller: Einführung in die Philosophie Erich Fromms

Video- und Hörclips mit und über Erich Fromm:

Erich Fromm über den angepaßten Menschen (1977, 2:10): "Die Normalsten sind die Kränkesten und die Kranken sind die Gesündesten. ... Der Mensch, der krank ist, der zeigt, daß bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, daß sie in Konflikt kommen mit den Muskeln der Kultur und daß sie durch diese Friktion Symptome erzeugen."

Erich Fromm über Glück und Freude (1977, 2:58): Die meisten Menschen behaupten, sie wären glücklich. Wenn man unglücklich ist, ist man ein Mißerefolg. So muß man die Maske des Glücklichseins tragen, sonst verliert man den Kredit auf dem Markt. Wenn man unglücklich wirkt, ist man ja kein normaler Mensch ...

Leben durch Geschichte (43:53): erster Teil – Autobiographische Bekenntnisse
Mut zum Menscchen (44:12): zweiter Teil

Erich Fromm - Dokumentation zweiter Teil: Mut zum Menschen 1v5
Erich Fromm - Dokumentation zweiter Teil: Mut zum Menschen 2v5
Erich Fromm - Dokumentation zweiter Teil: Mut zum Menschen 3v5
Erich Fromm - Dokumentation zweiter Teil: Mut zum Menschen 4v5
Erich Fromm - Dokumentation zweiter Teil: Mut zum Menschen 5v5

Psychoanalyse des Faschismus – ein Gespräch mit Erich Fromm (23:53): Wie muß ein Mensch beschaffen sein, um das zu werden, was man einen Faschisten nennt?

Der Mensch: Des Menschen Feind? Teil 01 von 10
Der Mensch: Des Menschen Feind? Teil 02 von 10
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