Soziologische Texte
diverser Autoren

Stanley Milgram: Das Milgram-Experiment Auszüge
Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität
Drei Viertel der Durchschnittsbevölkerung können durch eine pseudowissenschaftliche Autorität dazu gebracht werden, in bedingungslosem Gehorsam einen ihnen völlig unbekannten, unschuldigen Menschen zu quälen, zu foltern, ja zu liquidieren. Dieses Ergebnis einer sorgfältig vorbereiteten und kontrollierten Testreihe löste in der Welt ungläubige Betroffenheit und oft auch erbitterte Proteste aus. In diesem Buch stellt Milgram selbst die Voraussetzungen, Methoden, Resultate und Interpretationen seiner berühmt gewordenen Experimente umfassend dar.

E. R. Carmin: Das schwarze Reich Auszüge
Okkultismus und Politik im 20. Jahrhundert
Die radikalen sozialen, politischen, kulturellen und technologischen Umwälzungen, die dieses abgelaufene 20. Jahrhundert prägten und das Gesicht der Welt wie nie zuvor in der bekannten Geschichte veränderten, waren keine Zufälle. Weder der Erste noch der Zweite Weltkrieg, weder der Kommunismus noch das Dritte Reich Adolf Hitlers waren Zufälle oder bloße Betriebsunfälle der Geschichte. Auf strenger Esoterik beruhende Machtziele waren die Triebfedern hinter den gestaltenden geschichtlichen Ereignissen dieses Jahrhunderts. Okkult-esoterische Machenschaften standen hinter dem Experiment eines auf rein spirituell-magischer Basis aufgebauten Dritten Reiches ebenso wie hinter dem soeben nicht zuletzt mit vatikanischer Hilfe beendeten "sozialinnovativen" kommunistischen Experiment staatskapitalistischer Ausbeutung im labormäßig abgeschotteten Ostblock. Die Revolutionen mit ihren Wechselbädern von Horror und dem Erfolgserlebnis scheinbarer Befreiung, die Zerschlagung der monarchischen Großreiche, der Nationalismus als angeblich gigantischer Schritt vorwärts in der Neudefinition vom Wesen des Menschen, der Kommunismus als zumindest zwischenzeitlicher Sieg des Denkens über den Glauben, der es den Weltordnern gestattete, die Fahne der Internationalen aufzuziehen, die Neuordnungskriege dieses Jahrhunderts, und nicht zuletzt Hitler und das Dritte Reich waren Ecksteine beim Bau des Hauses einer neuen Ordnung, waren notwendige Stationen und Durchgänge auf dem Weg zum "Novus Ordo Seclorum". (Novus ordo seclorum (auch saeculorum; Latein für "Neue Abfolge der Jahrhunderte") ist eines der beiden Motti auf der Rückseite des Siegels der Vereinigten Staaten, das sich seit 1935 auch auf dem Greenback genannten Ein-Dollar-Schein findet. Das andere Motto lautet Annuit coeptis (lat. für "er heißt das Begonnene gut"), dazwischen befindet sich das Auge der Vorsehung als Symbol des dreieinigen Gottes)

Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nazionalsozialismus Auszüge
Stand der Nationalsozialismus unter okkulten Einflüssen? Welche Rolle spielten geheimnisvolle Gruppierungen, wie die "Thule-Gesellschaft", Lanz von Liebenfels’ "Neuer Templer Orden", die "Edda-Gesellschaft" oder Guido von Lists "Armanen"? Wer war der seltsame völkische Seher Weisthor, der als "Rasputin Himmlers" galt? Über die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus ist schon viel spekuliert und publiziert worden, doch diese "faszinierende Studie" (The Times) gilt international als das Standardwerk zu diesem Themenbereich.

Viktor Farkas: Schatten der Macht Auszüge
Bedrohen geheime Langzeitpläne unsere Zukunft?
Gibt es unsichtbare Mächte hinter der Weltbühne? Dieses Buch zeigt die Wahrheit über die Drahtzieher hinter den Kulissen, über die Auftragsgeber spektakulärer Attentate, über die "Bankiersverschwörung", über "gemachte" Wirtschaftskrisen und Kriege, über die "Globalisierungsfalle", über geheime Gesellschaften, die im Hintergrund die Welt beherrschen. Viktor Farkas nennt Roß und Reiter des Weltgeschehens, enttarnt Desinformationen, bringt Verborgenes ans Licht und stellt die alles entscheidende Fragen: Wie sieht die Welt hinter den Kulissen aus? Wer sind die unsichtbaren Kulissenschieber? Was wird uns in Zukunft noch alles erwarten?

Daniel Estulin: Die wahre Geschichte der Bilderberger Auszüge
Jedes moderne demokratische System schützt das Recht auf die Privatsphäre. Aber hat die Öffentlichkeit denn nicht auch ein Recht zu wissen, was ihre politischen Führer besprechen, wenn sie die wohlhabendsten Geschäftsleute ihrer jeweiligen Länder treffen? Was garantiert den Bürgern, daß der Bilderberg-Club kein Zentrum der Beeinflussung und des Lobbyismus ist, wenn sie nicht wissen dürfen, worüber ihre Vertreter bei den geheimen Treffen des Clubs sprechen? Warum wird über das Weltwirtschaftsforum von Davos und die G8-Treffen in jeder Zeitung auf der Titelseite berichtet? Weshalb nehmen daran Tausende von Journalisten teil, während niemand über die Versammlungen des Bilderberg-Clubs schreibt, obwohl sie Jahr für Jahr stattfinden und von Präsidenten des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank, der Bundesbank, von Vorsitzenden der 100 mächtigsten Unternehmen der Welt wie DAIMLERCHRYSLER, COCA COLA, BRITISH PETROLEUM, CHASE MANHATTAN BANK, AMERICAN EXPRESS, GOLDMAN SACHS, MICROSOFT, von Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, den Direktoren der CIA und des FBI, von den Generalsekretären der NATO, von US-Senatoren und Kongreßmitgliedern, von europäischen Ministerpräsidenten und von Vertretern der Oppositionsparteien, von Chefredakteuren und Vorstandsvorsitzenden der führenden Zeitungen der Welt besucht werden? Es ist schon erstaunlich, daß die Versammlung von Persönlichkeiten, deren Reichtum bei weitem das Vermögen aller Bürger der Vereinigten Staaten zusammengenommen übertrifft, für die Hauptmedien keinen Neuigkeitswert besitzt, wo doch die Reise jedes einzelnen von ihnen für Schlagzeilen in den TV-Nachrichten sorgt.

Christopher Lasch: Das Zeitalter des Narzißmus Auszüge
Die politische Krise des Kapitalismus spiegelt eine allgemeine Krise der westlichen Kultur wider; sie zeigt sich in der Verzweiflung an der Aufgabe, den Lauf der modernen Geschichte zu verstehen oder ihn rational zu steuern. Der Liberalismus, die politische Theorie des aufsteigenden Bürgertums, ist seit langem nicht mehr in der Lage, die Geschehnisse in der Welt des Wohlfahrtsstaats und der multinationalen Konzerne zu deuten. An seine Stelle aber ist nichts getreten. Politisch bankrott, ist der Liberalismus auch intellektuell am Ende. Die Wissenschaften, denen er zur Blüte verholfen hat und die sich ehedem zuversichtlich zeigten, die Finsternis der Zeiten zu vertreiben, liefern heute keine befriedigenden Erklärungen mehr für die Phänomene, die sie zu erhellen vorgeben. Die neoklassische ökonomische Theorie kann das Nebeneinander von Arbeitslosigkeit und Inflation nicht begreiflich machen; die Soziologie verzichtet auf den Versuch, eine allgemeine Theorie der modernen Gesellschaft zu entwerfen, und die akademische Psychologie flüchtet vor der Herausforderung durch Freud in die Messung von Banalitäten. Die Wissenschaften, die früher übertriebene Ansprüche geltend gemacht haben, beeilen sich jetzt zu verkünden, daß die Wissenschaft keine Wunderkuren für gesellschaftliche Probleme anzubieten hat.

Mario Erdheim: Die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit Auszüge
Eine Einführung in den ethnopsychoanalytischen Prozeß
Erdheims Interesse an der gesellschaftlichen Produktion von Unbewußtheit bewog ihn zunächst, Freuds sozialen und kulturellen Standort zu untersuchen. Welche Position muß man einnehmen, um das Unbewußte wissenschaftlich erfassen zu können? Gesellschaftliche Exzentrizität ist eine Voraussetzung dafür, und sie gilt auch für den heutigen Psychoanalytiker. Psychiater, Künstler, Wissenschaftler, Politiker, die Ende des 19. Jahrhunderts an das Unbewußte rührten, verwandelten es in ästhetische, philosophische, politische und psychologische Phänomene und machten es dadurch beherrschbar. Im Vergleich mit der Wiener Décadence erweist sich Freuds Position als eine Negation dieses Unbewußtheit hervorbringenden Ästhetizismus. Am Beispiel der aztekischen Menschenopfer beschäftigt sich Erdheim dann mit der zerstörerischen Seite zivilisatorischer Prozesse. Die aztekischen Götter sind Metaphern für verhinderte, verdrängte Geschichtsmöglichkeiten. Anknüpfend an Lévi-Strauss’ Unterscheidung zwischen "kalten" und "heißen" Kulturen entwickelt Erdheim eine Theorie der Anachronizität sozialer Strukturen. Im Schlußkapitel befaßt sich Erdheim mit der unbewußten Innenseite der Macht. Er legt den irrationalen, selbstzerstörerischen Kern absoluter Herrschaft bloß und entwickelt eine spezifische Psychologie der Herrschenden, deren Realitätsverlust eine Hauptursache destruktiver und selbstdestruktiver Tendenzen in der Geschichte ist.

Mario Erdheim: Die Psychoanalyse und das Unbewußte in der Kultur Auszüge
Aufsätze von 1980-1987
Überwindet die Psychoanalyse ihr therapeutisches Selbstmißverständnis und verzichtet sie auf die kulturell vorgegebene Legitimation, nur als Therapie sich aufs Unbewußte einlassen zu können, so gewinnt sie ein neues Verhältnis zu Wissenschaft und Kultur. Indem die Psychoanalyse mit ihrer Methode die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit untersucht, stößt sie auf die Wurzeln der Gewalt und folgt deren Verästelungen sowohl in der Wissenschaft selber als auch in anderen Bereichen der Kultur.
Der Band enthält eine Sammlung von Aufsätzen Mario Erdheims aus den letzten Jahren. Der erste Teil handelt von Wissenschaft und Unbewußtheit; der zweite reflektiert die Folgen der Institutionalisierung der Psychoanalyse; der dritte Teil enthält Beiträge zur psychoanalytischen Theorie, insbesondere zur Stellung der Adoleszenz zwischen Familie und Kultur. Im vierten Teil werden Erscheinungsformen des gesellschaftlich Unbewußten – vom Hexenwahn bis zu den aktuellen apokalyptischen Untergangsphantasien – ethnopsychoanalytisch untersucht.

Dr. Andrzej M. Lobaczewski: Politische Ponerologie
Eine Wissenschaft von der Natur des Bösen und seiner Anwendung für politische Zwecke
Das erste Manuskript dieses Buches wanderte im kommunistischen Polen ins Feuer, fünf Minuten bevor die Geheimpolizei erschien. Die zweite Kopie – von Wissenschaftern unter widrigsten Bedingungen der Unterdrückung aufs Neue zusammengestellt – wurde via Kurier an den Vatikan gesandt. Doch der Empfang des Manuskripts wurde nie bestätigt, alle wertvollen Inhalte waren verloren. Im Jahr 1984 wurde die dritte Kopie vom letzten überlebenden Wissenschafter, Andrew M. Lobaczewski, aus den verbliebenen Aufzeichnungen und aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Zbigniew Brzezinski blockierte die Veröffentlichung dieser Kopie. Nachdem das Buch ein halbes Jahrhundert lang unterdrückt wurde, ist es nun auch auf Deutsch verfügbar. Es ist in seiner klinischen und nüchternen Beschreibung der Natur des Bösen schockierend. In seinen eher literarischen Textstellen ist es aber auch ergreifend, wenn der Autor die immensen Leiden jener Wissenschafter beschreibt, die von der Krankheit, die sie untersuchten, angesteckt oder gar von ihr vernichtet wurden. Politische Ponerologie analysiert Gründer und Unterstützer von politisch unterdrückenden Regierungen. Lobaczewski untersucht Faktoren, die zusammenwirken, wenn Menschen sich gegenseitig unmenschlich behandeln. Moral und Menschlichkeit können den Raubzügen des Bösen nicht lange standhalten. Das einzige Mittel gegen das Böse und seine hinterlistige Vorgehensweise einzelnen Menschen und Gruppen gegenüber ist das Wissen um seine Existenz und seine Natur.

Sascha Lehnartz: Global Players Auszüge
Warum wir nicht mehr erwachsen werden
Wer keine Haltung hat, braucht Moden
Wir taumeln in Retro-Trainingsjacken durch unsere Epoche und sehen die Welt durch getönte Pilotenbrillen. Wir glauben nichts mehr, und weil wir nichts mehr glauben, glauben wir jeden Mist. Weil wir keine Haltung haben, gehen wir mit jeder Mode und drehen uns doch nur im Kreis. Wir sind uns nicht sicher, wann das angefangen hat, aber wir haben eine vage Ahnung, daß es so nicht wertergehen kann. Wir werden immer flexibler, dynamischer und mobiler. Nur erwachsen werden wir nicht mehr. Wenn uns der globale Wind zu kraß ins Gesicht bläst, ziehen wir die Kapuze über den Kopf, stopfen die Hände in die Taschen und sneaken flinken Retro-Turnschuhs ins Kindchenschema weg. – Warum uns die Globalisierung, der Pop und die Postmoderne die Fähigkeit austreiben, in Ruhe erwachsen zu werden: Sascha Lehnartz liefert eine politisch erfrischend unkorrekte Polemik mit hohem Spaßfaktor – über Retro-Wahn, Popkultur, Hipster, Schaumschläger, lebenslängliche 68er, Alt-78er, Neokons und Berufsjugendliche jeglicher Couleur. Sascha Lehnartz zeichnet das sarkastische Portrait einer Gesellschaft, die schon lange nicht mehr weiß, wie es politisch, moralisch oder ästhetisch weitergehen soll. Alle fünf Jahre entdeckt eine neue "Generation", daß es nicht leicht ist, damit klarzukommen, daß nichts mehr klar ist. Die Autoritäten sind erfolgreich demontiert und bloßes Dagegensein taugt als Haltung schon lange nicht mehr, wird aber weiter munter geprobt. Schuld an der allseits verbreiteten Planlosigkeit sind die Globalisierung, der Pop und natürlich wir selbst. Ein nachhaltiges Plädoyer dafür, wenigstens ab und zu den Versuch zu unternehmen, trotz allem irgendwie erwachsen auszusehen.
Sascha Lehnartz wurde 1969 in Remscheid geboren. Er studierte Vergleichende Literaturwissenschaften in Paris, Berlin, Santa Barbara und New York und promovierte an der Columbia University. Er war Redakteur bei der FAZ und Mitarbeiter beim SZ-Magazin. Heute lebt er in Berlin und schreibt vor allem für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Georges Devereux: Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften Auszüge
Eine Kritik der verhaltenswissenschaftlichen Methodologie
Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften – die Summe der jahrzehntelangen ethnopsychoanalytischen Forschungen und der psychoanalytischen Praxis von Georges Devereux – ist eine Kritik der verhaltenswissenschaftlichen Methodologie, die zu objektiver Erkenntnis zu gelangen glaubt, indem sie die Subjektivität des Forschers ausschaltet. An einer Fülle von Beispielen aus allen Bereichen der Humanwissenschaften und der Literatur zeigt Devereux demgegenüber, daß die Reaktionen des Verhaltenswissenschaftlers auf sein Material und auf seine Arbeit als die elementarsten Daten aller Verhaltenswissenschaft zu behandeln sind. Devereux fragt, nach welchen Regeln das zu untersuchende Objekt konstituiert wird, und liefert den Nachweis dafür, in welchem Maße die Angst des Beobachters den Erkenntnisprozeß und damit die Vergegenständlichung des Beobachteten beeinflußt. Die Verhaltenswissenschaften sind sowohl in ihren Methoden wie in ihren Ergebnissen eher ein Produkt der Angst vor dem Erkenntnisobjekt als der "Liebe zur Wahrheit".

Elias Canetti: Masse und Macht Auszüge
Wesentliche Zusammenhänge zum Verständnis unseres Zeitalters
Masse und Macht sind Schlüsselbegriffe zum Verständnis unseres Zeitalters. Schon der junge Canetti war fasziniert und beunruhigt von den Phänomenen, die sich mit diesen Begriffen benennen lassen. Das Leben der Menschen folgt eigenartigen Gesetzen. Bereits als Kinder gehorchen wir den Befehlen unserer Erzieher. Früh sind wir angehalten, "freudig" unsere Pflicht zu tun. Aber auch die Gesellschaft im ganzen ist dem zwanghaften Mechanismus von Befehl und Gehorsam ausgesetzt. Um miteinander auszukommen, folgt die Masse bestehenden Gesetzen, doch kennt die Geschichte auch genügend Beispiele, wo die Massen blind dem Diktat eines Tyrannen oder einer Weltanschauung folgen. Aber Vorsicht! Massen entwickeln gelegentlich eine Eigendynamik – sie können aufhetzen und Minderheiten verfolgen, Könige oder Regierungen stürzen und selber die Macht für sich beanspruchen. Aus geknechteten Einzelnen bildet sich plötzlich eine revolutionäre Masse: Sklaven erheben sich gegen ihre Kolonialherren, Farbige gegen Weiße, Arbeiter gegen Unternehmer. In seinem philosophischen Hauptwerk beschäftigt sich Canetti mit diesen Problemen. Kühn im Denken und von einer einzigartigen stilistischen Brillanz zieht der Autor uns von der ersten Seite an in seinen Bann. Anthropologische, soziologische und psychologische Aspekte durchdringen die essayistische Untersuchung gleichermaßen, und der Leser spürt, daß hier seine Sache verhandelt, über sein Schicksal nachgedacht wird.

Serge Moscovici: Das Zeitalter der Massen Auszüge
Eine historische Abhandlung über die Massenpsychologie
Die Idee, über die Massenpsychologie zu schreiben, ist mir an dem Tag gekommen, an dem ich mich damit abgefunden hatte, die Unleugbarkeit einer Tatsache zu akzeptieren, die – im Guten oder im Schlechten – alle anderen verblassen läßt. Diese Tatsache ist die folgende: Am Anfang dieses Jahrhunderts war man sich des Sieges der Massen sicher; an seinem Ende findet man sich ganz und gar im Bann der Führer. Eine nach der andern sind die gesellschaftlichen Umwälzungen, die die meisten Länder der Welt erschüttert haben, in ein Regime eingemündet, an dessen Spitze ein Führer steht, der die Menschen in seinen Bann schlägt. Ein Mao, ein Stalin, ein Mussolini, ein Tito, ein Nehru, ein Castro und zahlreiche ihrer Nacheiferer haben eine totale Herrschaft über ihr Volk ausgeübt (und tun es noch), das ihnen dafür einen inbrünstigen Kult weiht. Gehen wir eine Stufe tiefer, um zu beobachten, was sich nun nicht mehr in den Nationen, sondern in den Parteien, den Kirchen, den Sekten oder den Denkschulen abspielt: Überall das gleiche Phänomen, das sich durch Nachahmung im Sozialkörper ausbreitet und dem keine Bewegung zu widerstehen scheint.

Manfred Koch-Hillebrecht: Der Stoff, aus dem die Dummheit ist Auszüge
Eine Sozialpsychologie der Vorurteile
Dieses Buch befaßt sich mit dem, was man häufig abwertend als "Meinung der Leute" bezeichnet. Koch untersuchte die Vorurteile gegenüber Frauen, Kindern, der Jugend, dem Alter, gegenüber Fremden, Bayern und Preußen, den Ober- und Unterschichten. Er zeigt die Vorurteilsstruktur der Massenmedien, der Operette und des Märchens. Die Abwehrreaktion gegenüber der Bedrohung durch den Tod wird als Wurzel der Vorurteilsbildung und das Verstehen als wichtigste Form ihrer Überwindung aufgewiesen.

Claudia Szczesny-Friedmann: Die kühle Gesellschaft Auszüge
Von der Unmöglichkeit der Nähe
Immer mehr Menschen vereinsamen in Europa, immer weniger Menschen schaffen es, tragfähige Bindungen aufzubauen und Nähe zu ihren Mitmenschen zu schaffen. Versagt die moderne Gesellschaft bei der Aufgabe, die Beziehungen der Menschen befriedigend zu regeln? Claudia Szczesny-Friedmann analysiert in ihrem Buch, wie die zunehmende Auflösung traditioneller Beziehungsformen Distanz zwischen Männern und Frauen, zwischen Erwachsenen und Kindern, zwischen dem einzelnen und den anderen schafft.
Dr. phil. Claudia Szczesny-Friedmann, geboren 1953, hat Psychologie, Soziologie und Philosophie studiert und arbeitet freiberuflich als Psychologin und Journalistin.

Thomas Gebel: Krise des Begehrens Auszüge
Theorien zur Sexualität und Geschlechterbeziehungen im späten 20. Jahrhundert
Irgendetwas scheint mit der Liebe und der Sexualität in postmodernen Gesellschaften nicht zu stimmen. Das 20. Jahrhundert hat ein neues Unbehagen zwischen den Geschlechtern gebracht. Eine historische Lesart der strukturalen Psychoanalyse Jacques Lacans ermöglicht es, die problematischen Beziehungen zwischen Männern und Frauen als eine Krise des Begehrens zu begreifen. In der aktuellen Unübersichtlichkeit findet ein Jahrtausende altes vormodernes Geschlechterverhältnis sein vorläufiges Ende. Im Blick zurück erscheinen manch einem die alten, stabilen Zustände als Goldenes Zeitalter. Die Zukunft des Eros aber bleibt offen.

David Riesman: Die einsame Masse Auszüge
Eine Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters
Dieses Buch (Originaltitel: THE LONELY CROWD), das David Riesman mit zwei Mitarbeitern 1950 veröffentlichte, ist so etwas wie ein Bestseller in den Vereinigten Staaten geworden, ein Schicksal, das soziologische Bücher nur äußerst selten zu haben pflegen. Bereits 1953 erschien eine 2. Auflage, 1954 eine "Volksausgabe", von der in einigen Monaten über 50.000 Exemplare verkauft wurden; die Time brachte David Riesman als Titelbild und widmete seinem Buch eine breite Darstellung. So wurde Riesman in den USA sehr schnell "der Liebling der Intellektuellen" und derer, die sich dafür halten.

Karl Menninger: Strafe, ein Verbrechen? Auszüge
Über die Produktion von Kriminalität und Geisteskrankheit durch die Gesellschaft

Gérard Mendel: Plädoyer für die Entkolonisierung des Kindes Auszüge
Eine Soziopsychoanalyse der Autorität
Eine der Thesen der vorliegenden Abhandlung besagt, daß jede Gesellschaft seit den Anfängen der Menschheit auf dem Phänomen Autorität basierte. Insbesondere haben alle Formen der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen auf religiösem wie auf ökonomischem Gebiet – Ausbeutung der Kolonialvölker, Ausbeutung der Frau, des Kindes - sich das Phänomen Autorität, das seinen Ursprung in der biologischen und psychisch-affektiven Abhängigkeit des Kleinkindes vom Erwachsenen hat, zunutze gemacht. Daher geht die Zerstörung unserer Gesellschaft, die uns Tag für Tag in einer Kette von kulturellen Hiroshimas vor Augen geführt wird, sehr viel tiefer, als es den Anschein hat, und greift unter verschiedenen Aspekten auf alle Gesellschaften der Erde über, die mit der technologischen Revolution in Berührung kommen. Die Zerstörung reicht bis an die Wurzeln der Beziehungen des Individuums zu sich selbst und zur Gesellschaft, so daß man sich fragen muß, ob das Individuum - der Begriff des Individuums, individuelles Denken - die gegenwärtige Krise überhaupt überstehen wird.

Michael Moore: Stupid White Men Auszüge
Eine Abrechnung mit dem Amerika unter George W. Bush
Bananenrepublik USA : Im Weißen Haus sitzt "Baby Bush mit seiner Kamarilla", ein Präsident, der nie gewählt wurde und der regieren lässt - hauptsächlich von Geschäftsfreunden seines Vaters. Die Lage der Nation ist entsprechend: Die Außenpolitik eine Serie von haarsträubenden Fehlentscheidungen, die Börse entpuppt sich als eine Spielwiese für Betrüger, viele Anleger sind ruiniert, die Wirtschaft auf Talfahrt. In dieser Abrechnung voll boshaftem Witz zeigt Michael Moore, was alles schief läuft in der einzig noch verbliebenen Weltmacht USA. Er schont dabei nichts und niemanden, zeigt die Schwächen des politischen Systems ebenso auf wie die Auswirkungen des ungebremsten Kapitalismus. Moore gelingt eine seltene Mischung aus knallhartem politischen Buch und witziger Satire, die niemanden gleichgültig läßt.

Volle Deckung, Mr. Bush Auszüge
"Dude, Where's My Country?"
Uns reicht's, George! "George W. Bush noch weitere vier Jahre? Ich ertrage ihn keine vier Minuten länger!" Zum Präsidentschaftswahlkampf meldet sich der Mann zu Wort, der seit "Stupid White Men" als der schärfste und wirkungsvollste Bush-Kritiker gilt: Michael Moore. Mit bissigem Witz stellt er genau jene Fragen, denen Bush & Co. immer ausweichen – nach den Verbindungen zwischen den Familien Bush und bin Laden etwa, nach den wahren Hintergründen des Kampfes gegen den Terrorismus oder warum Bushs Steuerpolitik nur den Reichen zugute kommt. Und er läßt Gott selbst zu Wort kommen, auf den sich Bush immer beruft, und klarstellen, daß Er diesen Kerl jedenfalls nicht zum Präsidenten gemacht hat ...

Michael Moore, geboren 1954, ist Dokumentarfilmer und Publizist. Für seinen Film "Bowling for Columbine" erhielt er 2003 den Oscar. "Stupid White Men" ist der größte Sachbucherfolg in den deutschsprachigen Ländern seit Jahren. "Querschüsse" steht ebenfalls seit Monaten auf der Bestsellerliste.

Ottmar Hanke: Gewalt in der Peer-Group von Jungen Auszüge
Konzeptioneller Zugang – pädagogische Folgerungen
Zum Autor: Ottmar Hanke, geb. 1964, Dr. phil., Dipl.-Pädagoge, ist am Schulverwaltungsamt der Stadt Regensburg Leiter des Sachgebiets Gewaltprävention an Regensburger Schulen.
Durch die zunehmende Häufigkeit der Gewalttaten von Kindern und Jugendlichen aufgeschreckt, ist in vielen Bereichen der Gesellschaft eine zum Teil leidenschaftlich geführte Diskussion um die zunehmende Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit unserer Jugend aufgeflammt. Daß etliche dieser Gewalttaten im politischen, insbesondere im rechtsradikalen bzw. rechtsextremistischen Umfeld stattfinden und fremdenfeindlichen Charakter haben, erklärt auch die Wortmeldungen der politischen Entscheidungsträger zu diesem Thema.

Howard S. Becker: Außenseiter Auszüge
Zur Soziologie abweichenden Verhaltens
Gesellschaftliche Gruppen stellen zur Eigenstabilisierung Verhaltensregeln auf, die in bestimmten Situationen bestimmte Handlungen als "richtig" oder "falsch", "konform" oder "abweichend" definieren. Wer sich nicht an diese Regeln hält, wird als "Außenseiter" etikettiert, gleichgültig, ob er sich selbst als solcher empfindet oder nicht. Regelverletzendes Verhalten ist also das Produkt einer Interaktion zwischen einem Menschen, der eine bestimmte Handlung begeht, und Menschen, die, an die Normen ihrer jeweiligen Gruppe gebunden, diskriminierend darauf reagieren. Howard S. Becker, einer der bekannten Vertreter der soziologischen Richtung des "symbolischen Interaktionismus", geht im vorliegenden Buch, das in der angloamerikanischen Welt inzwischen als Klassiker gilt, von dieser nüchtern-deskriptiven Definition des Begriffs "Außenseiter" aus. Welche Situationen und welche Prozesse, so fragt er, führen Menschen dazu, Regeln zu brechen bzw. regelverletzendes Verhalten als "Außenseiterverhalten" negativ einzuschätzen?

Colin Wilson: Der Outsider Auszüge
Eine Diagnose des Menschen unserer Zeit
"Der Outsider" gehört zu jenen Büchern, deren Erscheinen niemand erwartet hat und die für viele Kritiker und Leser eine Verlegenheit bedeuten, weil sie in kein Gedanken-Schema unterzubringen sind. Der Autor ist 25 Jahre alt, der Sprößling einer Londoner Arbeiterfamilie, der keinerlei höhere Schulbildung in sich aufgenommen hat. Mit 16 Jahren war seine Ausbildung in einer öffentlichen Schule abgeschlossen. Auf Grund eines erfolgreich bestandenen Examens für mittlere Beamte wurde er mit 17 Jahren einer Steuerbehörde in Leicester zugeteilt. Er hat diese Tätigkeit, wie er später versichert, immer gehaßt. Bald darauf wird er in die Royal Air Force einberufen. Nach halbjähriger Militäxzeit wird er frei und faßt den Entschluß, nie mehr in seine Beamtentätigkeit zurückzukehren. Zu diesem Entschluß hat seinen eigenen Worten zufolge ein Satz beigetragen, den er bei H. G. Wells gefunden hat: "Wenn dir dein bisheriges Leben nicht gefällt, dann kannst du es ändern." Colin Wilson durchwanderte einen Sommer lang ganz England, nahm da und dort Zufallsarbeit auf und schlief meistens im Freien.

Urie Bronfenbrenner: Die Ökologie der menschlichen Entwicklung Auszüge
Natürliche und geplante Experimente
Angesichts der brennenden sozialen Probleme setzt sich der weltweit bekannte amerikanische Wissenschaftler dafür ein, daß Sozialforschung künftig in enger Beziehung zur sozialpolitischen Praxis vorangetrieben werde. Ein zentrales Thema sind die äußeren Bedingungen, unter denen Kinder heute heranwachsen. Der Autor versucht, alltägliche Lebenswelten systematisch zu beschreiben. Er führt beispielhaft vor, wie Ergebnisse experimenteller Forschung mit Daten aus natürlichen Umwelten zu einer Gesamtschau der menschlichen Entwicklung verknüpft werden können.

Stanley Diamond: Kritik der Zivilisation Auszüge
Anthropologie und die Wiederentdeckung des Primitiven
Stanley Diamond ist Professor für Anthropologie an der New School for Social Research in New York.
So ernst, wenngleich mit unterschiedlichem Ernst, die diversen "Natur"-Bewegungen im Laufe der bürgerlichen Gesellschaft und ihren verschiedenen Ausprägungen zu nehmen sind, sie zeigten und zeigen nicht nur in den Bewegungen der Gegenkultur und des Aufs-Land-Gehens, sondern auch in einem Gutteil der "systemnäheren" ökologischen Diskussion eine gefährliche Ent- und Depolitisierungstendenz. Entpolitisierend wirken sie insofern, als das Konzept des "natürlichen(eren)" Lebens nicht bestands-, d.h. herrschaftskritisch eingebracht wird, sondern vielmehr dazu dient, eine "ohne mich"-Haltung zu fördern, die Suche nach dem "außergesellschaftlichen" Glück im Naturwinkel zu unterstützen. Die Depolitisierung zeigt sich darin, daß das Thema "Formen der Vergesellschaftung, ihre Kosten und Vorteile" häufig zum Thema "Natur und Technik" oder "Natur und ökonomisches Wachstum" abstrahiert wird. Die gesellschaftlichgeschichtlichen Ursachen werden ausgeblendet. Das Problem wird in einem schlechten Sinne anthropologisch verallgemeinert zur schicksalhaften Gegebenheit und Bedrohung des naturbeherrschenden homo faber. Diamonds Ansatz und sein Versuch, die alternativen Lebensformen primitiver Völker gegenwärtig fruchtbar zu machen, haben mit solcher Ent- und Depolitisierung nichts gemein. Daß er im Gegensatz zu seinem großen Gegenspieler Lévi-Strauss in der Bundesrepublik kaum zur Kenntnis genommen wurde, liegt vielleicht daran, daß er keine Fluchthilfe bietet und sich auch in seiner Schreibweise nicht ins akademische Korsett zwängen läßt.

Lloyd deMause: Das emotionale Leben der Nationen
Lloyd deMause, geboren 1931 in Detroit (USA); Ausbildung zum Politikwissenschaftler und Psychoanalytiker; unterrichtete u.a. an der City University of New York, begründete den psychohistorischen Forschungszweig und die internationale Psychohistorische Vereinigung. Leiter des Institute for Psychohistory. Zahlreiche Publikationen in deutscher Übersetzung, u.a. HÖRT IHR DIE KINDER WEINEN (1977), EVOLUTION DER KINDHEIT (1987), REAGANS AMERIKA (1983, hrsg. von Klaus Theweleit), WAS IST PSYCHOHISTORIE (2000).
Seit vier Jahrzehnten erforscht Lloyd deMause jene Kräfte, die Gesellschaften in zyklische Stimmungsschwankungen versetzen. Mit The Emotional Life of Nations (2002; deutsch: Das emotionale Leben der Nationen) hat der amerikanische Psychohistoriker eine Summa seiner Forschungsarbeit vorgelegt, deren Ziel eine Entschlüsselung des "geheimen Drehbuchs" ist, dem politische Ereignisse zu folgen scheinen. Indem deMause die periodisch wiederkehrenden Eruptionen militärischer und politischer Gewalt auf jene Gewalt zurückführt, die Kinder quer durch die Jahrhunderte und die Völker dieser Erde zu erleiden hatten und weiterhin erleiden, zeigt er zugleich auf, daß die psychischen Erkrankungen von Nationen auf lange Sicht heilbar sind.
Der Krieg und das Embargo dienten ausschließlich internen emotionalen Zwecken. Wie die meisten modernen Nationen hat Amerika einst alle zwei Jahrzehnte Krieg geführt, und es waren zwei Jahrzehnte seit dem Vietnamkrieg vergangen. Da Krieg eine Sucht war, eine emotionale Störung, mußte Amerika einen neuen Krieg haben, um die Schuldgefühle und die Angst vor dem Fortschritt und der Prosperität der 80er Jahre zu tilgen, und Saddam war ein williger Feind, der uns das Gefühl gab, gereinigt und wiedergeboren zu werden.
Bei der Untersuchung von nationalen Kollektivphantasien, die mit dem Gefühl, Mitglied einer Gruppe zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt zu sein, in Zusammenhang stehen was ich als historische Gruppenphantasien (Lloyd deMause: Foundations of Psychohistory, S. 172-243) bezeichnet habe –, stieß ich immer wieder auf Bilder von "vergiftetem Blut", die kurz vor einem Kriegsausbruch oder gewalttätigen Revolutionen auftauchten. In Kriegen stellt man sich den Feind als jemanden vor, der der Nation das Blut aussaugt; (Simon Schama: Citizens: A Chronicle of the French Revolution.
New York: Alfred A. Knopf 1989, S. 73.) in Revolutionen ist der Staat der Blutsauger, so zum Beispiel in den Gruppenphantasien während der Französischen Revolution, als der Staat als "riesige infernale Maschinerie, die die Bürger am Hals packt und ihnen das Blut aussaugt", gesehen wurde. Bilder von vergiftetem Blut kehren in der Geschichte regelmäßig wieder. Was ich entdeckt habe, war, daß diese Vorstellungen normalerweise in Verbindung mit Schuldgefühlen aufgrund kurz zuvor durchlebten Wohlstands und Fortschritts auftreten, Dinge, die als "das nationale Blut wegen ihrer sündhaften Exzesse verunreinigend" und Männer "weich" und "feminin" machend empfunden werden, ein fürchterlicher Zustand, der nur durch ein reinigend wirkendes Blutopfer behoben werden kann. (Lloyd deMause: Foundations of Psychohistory, S. 244-317.) Diese Phantasie des wiederkehrenden Blutvergießens durch einen Krieg basiert auf denselben erwarteten Effekten, nämlich reinigend zu wirken, wie Aderlaßtherapien, die von Ärzten im 19. Jahrhundert zur Heilung vieler Krankheiten verschrieben wurden, von denen man ebenso glaubte, daß sie durch "Völlerei, Luxus und lustvolle Exzesse" (K. Codell Carter: "On the Decline of Bloodletting in Nineteenth Century Medicine", The Journal of Psychoanalytic Anthropology 5 (1982): 221.) verursacht wurden. Ein ranghoher Militär brachte es auf den Punkt, indem er sagte, Krieg sei "eine der großen Agenturen, die die Entwicklung der Menschen beeinflussen. [Er] befreit eine Nation von ihren Launen ... und läutert sie, wie eine Krankheit oder Notlage ... läutert den Einzelnen"; er würde die Menschen befreien von ihrer "Anbetung von Bequemlichkeit, Reichtum und allgemeiner Verweichlichung". (Michael C. C. Adams: The Great Adventure: Male Desire and the Coming of World War I. Bloomington, IN: Indiana University Press 1990, S. 57.) Als Thomas Jefferson von John Adams gefragt wurde, wie man verhindern könne, "daß Luxus Verweichlichung, Vergiftung, Extravaganz, Laster und Torheit bewirkt?", war Jeffersons Antwort, der Krieg wäre die einzige Heilungsmöglichkeit: "Der Baum der Freiheit muß von Zeit zu Zeit mit dem Blut der Patrioten gestärkt werden." (Michael C. C. Adams: The Great Adventure: Male Desire and the Coming of World War I. Bloomington, IN: Indiana University Press 1990, S. 51.) Ähnlich drückte es einmal ein Autor im August des Jahres 1914 aus: "Gottes Fluch hing schwer über einer degenerierten Welt, eine schreckliche Stille und das Gefühl vager Erwartung lagen in der schwülen, bewegungslosen Luft ... [aber] ein saubereres, besseres und stärkeres Land wird im Sonnenschein erstrahlen, wenn der Sturm durchgezogen ist ... eine blutige Säuberungsaktion wäre gut für das Land." (Michael C. C. Adams: The Great Adventure: Male Desire and the Coming of World War I. Bloomington, IN: Indiana University Press 1990, S. 61)
Von Kriegen hat man vielfach angenommen, sie würden das verunreinigte Blut einer Nation kraft eines Opferrituals reinigen, genau wie es bei Menschenopferungsriten in historischen Zeiten üblich war, als geglaubt wurde, das Blut der Geopferten würde alle erneuern. Krieg, so meinten diejenigen, die den blutigen Finnischen Bürgerkrieg vorbereiteten, reinige durch die Opferung von Soldaten auf dem Schlachtfeld von Schuld erzeugender materieller Prosperität: "Die Idee des Opfers durchdringt den Krieg ... die Jugend ... hat die Seele der Nation um Erneuerung schreien gehört, ihr Herzblut, [weil] Nationen ihre Erneuerung aus dem Blut der Gefallenen trinken." (Julia Siltala: "Prenatal Fantasies During the Finnish Civil War", The Journal of Psychohistory 22 (1995): 486.) Üblicherweise nahm man an, daß das Blut der Soldaten benötigt würde, um eine maternale Figur zu nähren, entweder Mutter Erde, oder, wie bei den Azteken, eine blutrünstige weibliche Göttergestalt. (Burr Cartwright Brundage: The Fifth Sun: Aztec Gods, Aztec World. Austin: University of Texas Press 1979.) Durch das Füttern der Göttin mit Soldatenblut wurde der Staat erneuert, und der Krieg säuberte den verunreinigten Blutkreislauf der Nation, so als ob eine "Wiedergeburt aus dem Schoß der Geschichte stattfände", eine "blutige Taufe", die alle Zügellosigkeit beseitigte. (Burr Cartwright Brundage: The Fifth Sun: Aztec Gods, Aztec World. Austin: University of Texas Press 1979, S. 487.)
Eine Nation ward wiedergeboren, Regeneriert durch eine zweite Geburt! schrieb W. W. Howe nach dem blutigen Amerikanischen Bürgerkrieg. (Michael C. C. Adams: The Great Adventure, S. 55.) Ein anderer Amerikaner meinte über den Ersten Weltkrieg: "Es war, als würde neues Blut in alte Adern gegossen werden." (Michael C. C. Adams: The Great Adventure, S. 53.) Hier taucht sofort die Frage auf: Woher kommen derartige Ängste vor verunreinigtem Blut? Und was haben sie mit der Geburt zu tun? Antworten auf diese Fragen können aber nur dann überzeugen, wenn im Vorfeld eine andere Fragestellung untersucht wird: Warum wird Krieg so oft als Frau beschrieben?